8.1.2013

Warum wir mehr News-Nerds brauchen

Montage in Anlehnung an http://marijerooze.nl/thesis/graphics/

Er bezeichnet sich nicht als Programmierer, und dennoch codet Julius Tröger interaktive Karten, Web-Reportagen und mehr. Der 29-Jährige ist Redakteur und Reporter bei der Berliner Morgenpost. Er hat sich auf Datenjournalismus und interaktive Multimedia-Formate spezialisiert. 2012 hat er mehrere Preise gewonnen, unter anderem den Axel Springer Preis für junge Journalisten.

Im November und Dezember 2012 hat Julius Tröger in New York ein Stipendium von ProPublica und der Knight Foundation absolviert und im Interaktiv-Team der US-Ausgabe des Guardian gearbeitet.

Was er dort gelernt hat, beschreibt er in einem Gastbeitrag hier im ASA-Blog der Axel-Springer-Akademie.

Julius Tröger im Daten-Team der spendenfinanzierten Redaktion ProPublica. Foto: Scott Klein

Redakteure redigieren Texte von Programmierern. Und Programmierer redigieren Quelltexte von Redakteuren. Das kann schon vorkommen in den Redaktionen von ProPublica, New York Times, The Guardian, Chicago Tribune, WNYC und anderen Titeln. Dort arbeiten klassische Journalisten eng mit Web-Entwicklern zusammen, die sich auf Journalismus spezialisiert haben. Oder andersherum.

Sie nennen sich News-Nerds oder Journo-Programmer. Und sie erzählen Geschichten mit individuell programmierter Software.

Da gibt es zum Beispiel Lena Groeger von ProPublica. Sie hat sich innerhalb eines Jahres selbst das Programmieren beigebracht. Mittlerweile recherchiert und schreibt sie ihre Geschichten nicht nur, sondern entwickelt auch interaktive Anwendungen dazu. Eines ihrer neuesten Projekte zur Sicherheit von US-Pipelines wurde gerade erst in Deutschland vom “journalist” zu einer der besten Infografiken des Jahres gewählt.

Lena Groeger, News-Apps-Entwicklerin und Journalistin. Foto: Lars Klove

Lena Groeger, News-Apps-Entwicklerin und Journalistin. Foto: Lars Klove

Wie sie selbst in einem aktuellen Blogbeitrag schreibt, war sie vor einem Jahr froh gerade einmal ein Youtube-Video richtig embedden zu können. Heute veröffentlicht sie komplexe Datenjournalismus-Anwendungen. Wie Lena Groeger sind viele Journo-Programmer Quereinsteiger ohne klassisches Informatik-Studium. Sie haben sich Javascript, Ruby und Co. selbst beigebracht.

Nachrichten auf jede einzelne Person herunterbrechen

Text ist nach wie vor in vielen Fällen die schnellste und sinnvollste Möglichkeit, Nachrichten zu vermitteln – auch im Netz. Auch gehören Fotos, Grafiken, Audio und Video mittlerweile zum Standardrepertoire von Online-Auftritten. All diese Elemente können aber auch in anderen Medien dargestellt werden.

Gay Rights in the US - The Guardian

Gay Rights in the US – The Guardian

Wir müssen aber aufhören, andere Medien im Web zu imitieren und wir müssen wegkommen von der Zweitverwertung von Print, Radio und Fernsehen. Denn das Web bietet eine Erzählform, die nur dort dargestellt werden kann: Wenn Nutzer selbst steuern können, welche Informationen für sie interessant sind, wenn sie die Informationstiefe selbst wählen, wenn sie mit wenigen Klicks herausfinden: “Was bedeutet das für mich?”

Geschichten können so nicht nur auf eine Region (Lokal) oder Kiez (Hyperlokal) heruntergebrochen werden, sie können auch mit der Hilfe von individuellen Datenbankabfragen für jede einzelne Person individualisiert weren. Daraus entstehen potenziell Tausende Beiträge aus einem.

Wann soll ich das denn bitte alles noch lernen?

Solche Datenjournalismus-Projekte oder interaktive Webreportagen funktionieren meistens nicht nach Schema F. Content Management Systeme, die eigentlich dafür gemacht wurden, um Technik von Journalisten fernzuhalten, sind meist geschlossen und nicht besonders individuell. Das ist für eine einheitliche Arbeitsweise und einen reibungslosen Nachrichten-Workflow auch gut so. Interaktive Anwendungen müssen allerdings meistens von Grund auf programmiert werden.

Pipeline Safety Tracker - News App von ProPublica

Pipeline Safety Tracker – ProPublica

“Programmieren? Wann soll ich das denn bitte noch lernen neben der Arbeit?”, fragen Journalisten. “Lasst bloß die Finger davon und überlasst das Leuten, die sich damit auskennen”, sagen Programmierer. Beide Standpunkte sind nachvollziehbar. Ich bin der Meinung, sie sollten aber zumindest miteinander reden können. Dafür müssen sie sich aber auch verstehen. Online-Journalisten sollten die Grundzüge der Web-Entwicklung und die wichtigsten Tools und Frameworks kennenlernen und Programmierer sollten versuchen, die Mechanismen des Journalismus zu verstehen.

Programmierer für Journalismus begeistern

Programmierer, die sich auf die spezielle Arbeitsweise in Redaktionen spezialisiert haben, gibt es bisher noch selten. Medienhäuser müssen Newsrooms erst attraktiv für gute Informatiker machen. Es ist ja nicht so, dass sie nur darauf gewartet hätten, journalistisch zu arbeiten. Außerdem verdient man in anderen Branchen häufig besser als in den Medien.

Darüber hinaus ist die schnelle Arbeitsweise ohne detaillierte Projektpläne vielen Programmierern fremd. Bei Breaking News können keine Meilensteine eingeplant und eingehalten werden. Es muss oft sehr schnell gehen. Und trotzdem müssen – wie im Journalismus – zwingend Qualitätsstandards gewahrt werden. Es gibt immer mehr Open-Source-Vorlagen, die Programmierern bei alltäglichen Herausforderungen im Umfeld des Journalismus helfen.

Nicht Zukunft, sondern Gegenwart

Ich selbst programmiere seit rund 1,5 Jahren an meinem Rechner im Newsroom der Berliner Morgenpost. Seitdem habe ich gemeinsam mit meinen Kollegen mehrere Projekte verwirklicht, die ich auch selbst gecodet habe.

Die 149 Berliner Abgeordneten - News App der Berliner Morgenpost

149 Berliner Abgeordnete – Berliner Morgenpost

Allerdings würde ich mich trotz unzähliger Stunden zwischen Terminal, Tutorials und Texteditor nicht als Programmierer bezeichnen. Auch wenn ich mittlerweile interaktive Karten, Webreportagen oder Scraper selbst coden kann, stoße ich doch häufig an meine Grenzen und brauche deutlich länger für die Lösung eines Problems als jemand, der sich wirklich damit auskennt.

Es macht mir aber auch großen Spaß. Und ich empfehle jedem, der es auch lernen möchte, mit einem eigenen Praxis-Projekt zu starten und nicht einfach nur Codeacademy-Kurse zu absolvieren und Screencasts anzuschauen. Es ist ein Anfang. Aber mit jeder Foren-Diskussion und jeder funktionierenden Javascript-Funktion lernt man dazu. Die Community hilft gerne – und sie wächst stetig.

Seit Mitte 2012 treffen sich etwa Journalisten und Programmierer bei  Hacks/Hackers in Berlin. Nach nur einem halben Jahr hat die Gruppe bereits beinahe 300 Mitglieder. Unter dem Twitter-Hashtag #ddj tauschen sich Datenjournalisten aus. Und auf der Seite “Source” findet man beinahe täglich Updates über “Journalism code and the people who make it”. Der Journalist Daniel Drepper sucht in seinem Codelog für 2013 Mitstreiter, um gemeinsam programmieren zu lernen. Außerdem gibt es bei News Nerd Jobs nicht gerade wenige ausgeschriebene Stellen.

Viele sprechen von der “Zukunft des Journalismus”. Scraper für Recherchen einzusetzen oder mit Parallax-Scrolling-Artikeln zu experimentieren ist jedoch bereits die Gegenwart. Und dafür brauchen wir sie jetzt, die News-Nerds und Journo-Programmer.

Julius Tröger twittert unter @juliustroeger und bloggt unter digitalerwandel.de

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Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 2 Kommentare »

2 Kommentare zu “Warum wir mehr News-Nerds brauchen”

  1. 5x lesenswert: Zukunft – der Verlage, des Journalismus, … | medienrauschen

    [...] für das Überleben mehr Leute wie Tröger braucht, im Blog der Axel Springer Akademie: Warum wir mehr News-Nerds brauchen, ASA Blog Tweet This entry was posted in Rundblick by Thomas Gigold. Bookmark the [...]

  2. Peter Schink

    Zustimmung. Aber sowas von. Jetzt brauchen wir nur noch mehr NewsNerd-Elemente in der Ausbildung. Aber wenn das jemand kann, dann die ASA :)