16.11.2012

Das Salz in der Buchstabensuppe

„Online first“ – das darf nicht nur eine Tempofrage sein. Ein Plädoyer für die Exzellenz in einem Medium, in dem zuweilen Masse, Klicks und Gewohnheiten den Takt vorgeben.

Von Martin Heller

Irgendwie fühlen wir uns ja auf der richtigen Seite. Auf dem richtigen Weg. Wir Onliner.

Manchmal schmunzeln wir

-       wenn jemand in TV-Sendungen oder Zeitungen das Internet erklärt.

-       wenn bei Videoclips in Nachrichtensendungen „Quelle: Internet“ eingeblendet wird.

-       wenn „Social-Media-Korrespondenten“ berichten, was „da draußen im Internet los ist“.

Vielleicht betrachten wir sogar manche Entwicklung mit Genugtuung. Kollegen interessieren sich plötzlich für unser Medium, die uns früher belächelt haben. Jetzt, wo Online längst nicht mehr eine Zweitverwertungs-Maschine für Print-Content ist. Jetzt, wo die Geschichten meist zuerst im Netz erzählt werden.

Die Zeit spielt für die digitalen Medien. Nein? So einfach dürfen wir es uns nicht machen.

Wer Online nur als modernen Abspielort für klassischen Content versteht, verschenkt einen riesigen Vorsprung.

Zeitung im Internet – garniert mit virtuellen Bilderbüchern zum Durchklicken, ein paar Häppchen Fernsehen im Internet, etwas Radio im Netz. Nach- und nebeneinander. Das ist zu wenig. Erst recht, wenn wir die ersten Paywalls um unsere journalistischen Perlen bauen.

Natürlich muss es immer viel, schnell und preiswert sein. Zu gut kennen wir den Unterschied zwischen solch hehren Ansprüchen und dem Alltag in den Redaktionen.

Umso wichtiger, dass wir gerade deshalb ab und zu aus dem Hamsterrad ausbrechen, in dem sich viele Journalisten im Zeitalter des Echtzeitjournalismus abstrampeln.

Bei Autorenstücken für Onlineportale ist die Branche auf einem sehr guten Weg, Korrespondenten und Reporter vor Ort liefern Usern starke Eindrücke und Meinung, vor allem in Textform. Auch bei Social Media haben wir die Zeichen der Zeit erkannt und nutzen die Tools für ganz unterschiedliche Zwecke.

Was sollten wir also zusätzlich besonders im Auge behalten?

- Infografik und Datenjournalismus

Chronisch überlastet – das gilt eigentlich immer für die Grafiker in den Redaktionen. Der nächste Relaunch will vorbereitet sein, die neue Mobilseite, das Update der App und vieles mehr. Da bleibt kaum Zeit, gute Geschichten als Infografik aufzubereiten. Doch gerade hier liegt ja eine der spezifischen Stärken des Internets. Interaktivität und Animation können so viel Spaß machen. Im Bereich Datenjournalismus tut sich erfreuliches. Wenn aus Daten nicht nur Grafiken sondern Geschichten werden, entsteht aus spannender Datenvisualisierung wirklich guter Journalismus. Daran werden wir noch viel Freude haben.

- Mit Bildern bewegen

Bewegtbild ist teuer. Na und? Die Mischung zählt, genau wie bei Texten. Das Reh im Supermarkt, das singende Baby, die Bruchlandungen und mißglückten Arschbomben. Immer wieder Amateurvideos und Überwachungskameras. Diese Clips sind erfolgreich, sie finanzieren die Videoressorts durch ihre niedrigen Kosten und hohen Reichweiten. Doch wollen User und Werbekunden auf Dauer fast ausschließlich Trash-Videos? Videoredakteure müssen mehr sein als Content-Schieber, die mit minimalem Aufwand maximale Reichweite generieren. Live ist gut, Studioproduktionen schön. Doch wir müssen mit der Kamera auch raus in die Welt und als selbstbewusste Journalisten gute Filme drehen, eigene Rechte generieren und eigene Formate entwickeln.

- Miteinander statt Nebeneinander

Was schreiben wir? Was filmen wir? Welche Infografik hat welcher Redakteur bestellt? Jede Entscheidung über eine gute Geschichte, jede Planung muss integriert ablaufen. Zeitung im Internet, daneben Fernsehen im Internet, daneben Social-Media-Einbindung, dazu noch ein Foto und eine Grafik – das wird nicht funktionieren. Statt dessen müssen wir uns fragen: Welcher Inhalt sollte wie erzählt werden? Wo kann zeitgleich ein Video platziert werden? Etwa zu Beginn eines klassischen Texts? Das darf Standard werden. Aber gleichzeitig müssen wir Lösungen finden, die Formen noch mehr miteinander zu verschränken.

Die gute Nachricht: Es gibt das alles schon. Es gibt Leuchtturm-Projekte,  viele sogar, ohne Zweifel. Bei vielen guten Marken im Netz, egal bei welchem Verlag, Blog oder Medienprojekt. Und diese Leuchttürme begeistern mindestens genauso, wie eine starke Seite 3 in einer Qualitätszeitung. Wir wünschen uns mehr davon. Das ist unsere Herausforderung. Vor allem die der jungen Journalistengeneration.

Zeigen wir, dass herausragender Journalismus im Netz so selbstverständlich ist wie auf Papier.

Dann sind wir auf dem richtigen Weg. Und „Wir Onliner“ – das gibt es ohnehin nicht mehr.

Martin Heller verantwortet seit Oktober als Studienleiter Crossmedia die digitale Ausbildung der Axel Springer Akademie. Als Redakteur und CvD arbeitete er zuvor bei RTL, SPIEGEL TV und SPIEGEL ONLINE.

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Autor: mheller Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | Kommentare deaktiviert

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