7.3.2012

Don’t be a Maybe!

Das Institute for Cultural Diplomacy (ICD) pflegt ein gekonntes Understatement. Wenn man am Ku´damm 208 vorbeiläuft, deutet zunächst nichts darauf hin, dass sich im dritten Obergeschoss eine Perle der Diplomatie verbirgt. Vorbei an Postkartenständern und Touri-Buden führt erst am Ende der Passage im neuen Kudamm-Karree ein Aufzug hinauf, wo das ICD zum Berlin Freedom of Expression Forum geladen hat.


Die CvDs von 20zwoelf, Alexandra Zykunov und Max Boenke (Team 10) mit Rudolf Porsch, Vize-Direktor der Akademie

Die Liste der Redner lässt die Ambitionen des Instituts um seinen äußerst smarten Boss Mark Donfried ahnen: Kathleen Carroll, Vizepräsidentin von Associated Press aus New York und der britische Botschafter für Usbekistan, Craig Murray, sind eingeladen ebenso wie Professor Gavin Phillipson von der Durham Law School oder John Hemming, Member of the British Parliament. Und die Axel Springer Akademie mit ihrem Projekt 20zwoelf.

Es wird Englisch gesprochen unter den rund 80 Konferenzgästen – überwiegend Juristen, Journalisten und NGO-Mitarbeiter aus aller Welt. Es fühlt sich an wie eine Fachsitzung der Vereinten Nationen.

Vier Tage lang geht es um Meinungs- und Pressefreiheit, um Rechte im Internet und Repressalien in totalitären Staaten, um das Caroline-Urteil und die unterschiedliche Rechtsprechung etwa in Deutschland und England, Frankreich oder den USA wie etwa im Fall der Berichte über DSK. Tenor der Tagung: Das Internet hat die Pressefreiheit verändert, erweitert. Aber: Sie ist auch neuen Gefahren ausgesetzt.

Das wird deutlich als es um 20zwoelf geht. In seiner key note “Don’t be a Maybe!” warnt Rudolf Porsch, der Vize-Direktor der Axel Springer Akademie, “freedom dies by inches” und geht auf die journalismus-immanten Gefahren ein, also auf die Risiken für Pressefreiheit, die aus journalistischem Fehlverhalten entstehen. Er appelliert daher an Berufsethos und Motivation von Journalisten und fordert vor allem Leidenschaft für den Beruf, Passion für Qualität und Professionalität, die sich ihre Freiheit nicht abkaufen lasse.

Als exemplarischen zur Sicherung von Pressefreiheit bringt Porsch den Code of Conduct der Axel Springer AG,  in dem auch die Leitlinien zur Sicherung journalistischer Unabhängigkeit verankert sind. Als eklantante Beispiele zur Gefährdung der Pressefreiheit zitieren anschließend die Journalistenschüler Alexandra Zykunov und der Autor dieses Beitrags aus dem Projekt 20zwoelf.

Das Portal zur Pressefreiheit war von Team 10 der Akademie als Masterpiece noch vor der Wulff-Affäre produziert worden. Es listet Gefahren auf von Knebelverträgen bei Interviewanfragen bis zu Folter für deutsche Reporter.

Die Forums-Teilnehmer sind sehr interessiert, die Diskussionsrunde wird lebhaft. Der Korrespondent der US-Fernsehsenders CBS etwa fühlt sich bestätigt. Man komme als Reporter in Deutschland nur schwer an hochkarätige Politiker heran. Er habe sich das leichter vorgestellt, fühle sich als Journalist eingeschränkt. Ein britischer Kollege fragt zur deutschen Praxis bei Interviews nach, eine Polin möchte wissen, wie die Einhaltung des Code of Conduct überprüft werde. Dann wird das Video-Essay “Deutschland ohne Pressefreiheit?” gezeigt. Es schildert fiktional ein Horror-Szenario, beschreibt, was fehlen würde, ohne Pressefreiheit. Und es macht deutlich, dass uns im Alltag leicht die Sensibilität für diese Freiheit fehlt. Man erkennt ihren Wert erst, wenn wir sie zu verlieren drohen.

Das Video-Essay macht betroffen – und erntet auch Protest auf dem International Freedom of Expression Forum: Ein rumänischer Journalist wirft den Studenten vor, dass ihre Vision von einem Land ohne Pressefreiheit noch zu harmlos sei.

Pressefreiheit, das wird dabei deutlich, ist keine Selbstverständlichkeit – auch nicht in Deutschland. Sie muss in den Redaktionen täglich neu erkämpft werden, und sei es auch nur gegen den inneren Schweinehund im einzelnen Journalisten. Wie sagte Porsch: Don’t be a Maybe!

Max Boenke

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Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Kommentare deaktiviert

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