14.2.2012

Keine Angst vor Mein Kampf

Zugegeben: Vor diesem Studium Generale hatten die meisten von uns kein gutes Gefühl. Gast war der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) Thomas Krüger. Klingt nach einem bürokratischen Beruf. Wie wollten wir 90 Minuten lang ein interessantes Gespräch mit Herrn Krüger führen?


Thomas Krüger, Präsident der bpb, mit den beiden Moderatoren Stefanie Enge (l.) und Jan Vollmer (r.). Foto: Nadja Lucas

Unsere Befürchtungen sollten sich als falsch herausstellen. Zwar neigt Krüger in Diskussionen zu Monologen, doch er überrascht durch die zupackende und unkonventionelle Art, mit der er die bpb vertritt. „1952 von den Alliierten gegründet, hatte sie ursprünglich die Aufgabe, aus Nazis Demokraten zu machen“, sagt Krüger (52) salopp. Mittlerweile sei das Aufgabengebiet komplexer geworden.

Zu uns kam er im braunen Nadelstreifenanzug, der etwas groß an ihm wirkte. Von Hause aus ist Krüger Theologe, der über die Wendezeit der DDR zur Parteipolitik und erst in die Volkskammer, dann auf den Posten des Jugendsenators von Berlin kam und schließlich, 1994 bis 1998, für die SPD im Bundestag saß. Damals erhielt er den ersten Ruf an die bpb. Er fuhr in die Zentrale nach Bonn – und lehnte ab: „Es hatte diesen intensiven Geruch der 60er. Zu bräsig, zu staubig.“

Das sollte sich ändern. Um die Jahrtausendwende stand die Behörde vor dem Neuanfang, musste fit gemacht werden für das Internet. Jetzt folgte Krüger dem Ruf an den Rhein und wurde Präsident der bpb.

Inzwischen generiert man zehn Millionen Klicks pro Monat, mehrt eifrig die Fangemeinde auf Facebook und seit einem Monat twittert die Behörde sogar. „Mit 140 Zeichen ist es zwar schwer politisch zu bilden, aber gerade Schüler, die Hilfe bei den Hausaufgaben brauchen, schreiben uns über den Dienst.“

Unproblematisch ist das nicht: Das Internet ist ein anarchisches Medium und die bpb eine Bundesbehörde. „Erklären Sie mal einem Beamten im Innenministerium den Kontrollverlust in Diskussions-Foren!“ Spätestens bei extremistischen Kommentaren hört die Freiheit deshalb auf: „Für uns wäre so was eine totale Killergeschichte“, sagt Krüger. Eine Zensur finde bislang nicht statt, Inhalte würden nur diskutiert und kommentiert. „Wir wissen nicht, wie unser Social Media Experiment ausgeht“, sagte er, „aber wir gehen da rein und loten die Grenzen aus.“

Das macht die bpb auch beim Umgang mit der deutschen Geschichte. Viele Jugendliche wüssten heute beispielsweise nichts mehr mit dem Begriff Auschwitz anzufangen. „Wie soll man türkischen und arabischen Jugendlichen den Holocaust vermitteln?“ Vor allem palästinensische Jugendliche würden mit 1945 eher die Nakba, also Flucht und Vertreibung aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina assoziieren als das Ende des Nazi-Terrors. Das, so Krüger, erfordere Geduld und neue Ansätze in der politischen Bildung.

Dabei beweist er Mut: Beispielsweise könnte man Hitlers „Mein Kampf“ ruhig legalisieren, findet Krüger. „Jeder Idiot kann das doch im Internet nachlesen“, sagt er. „Und jeder gefährdete Jugendliche würde da nach ein paar Seiten aufhören, weil es so krude ist.“ Deshalb sei es begrüßenswert, dass Historiker bereits an einer kommentierten Ausgabe des Buches arbeiteten. Also: „Keine Angst vor Mein Kampf!“

Viel wichtiger, so Krüger, sei die Auseinandersetzung mit dem Thema Hass. Es sei eine Begleiterscheinung unserer pluralistischen und komplexer gewordenen Gesellschaft, dass sich immer mehr Vorbehalte gegenüber einzelnen Gruppen entwickelten. „Antiziganismus, Homophobie und Xenophobie sind überall“, warnt Krüger. Deshalb sei eines der großen Themen für Europa nun die Deradikalisierung. Man solle sich aber keine falschen Vorstellungen machen, warnt er: Politische Bildung sei kein Allheilmittel. „Sie kann nur dort wirken, wo die Leute bereit sind, sich damit auseinanderzusetzen“. – Also etwa junge Journalisten im Studium Generale der Axel Springer Akademie.

Lucas Negroni

Autor: student Kategorie: Ausbildung, Gäste der Akademie | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “Keine Angst vor Mein Kampf”

  1. Tino

    “[...] und seit einem Monat twittert die Behörde sogar”

    Nein, schon viel länger. Ich frage mich, welcher Account damit gemeint sein soll: @bpb_de, @frag_die_bpb, @werkstatt_bpb, @netzdebatte, @apuz_bpb oder etwa @akquisos?

    Alle diese Profile sind schon deutlich länger als einen Monat aktiv.

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