5.4.2011

Intellektualität als goldenes Handwerk

Er grübelt, blickt ins Leere, atmet schwer aus. Und dann dieser Satz: „Wer an der Welt verzweifelt, jedoch nicht willens ist die Zustände aus eigener Kraft zu ändern, ist ein Intellektueller“. Wolf Lepenies (70), Soziologe und Aufsichtsratsmitglied der Axel Springer AG, fällt es spürbar schwer eine Definition des intellektuellen Menschen zu präsentieren.


Die Moderatoren Oliver Jeges und Stefanie Hörnig wollten von Wolf Lepenies wissen, was einen Intellektuellen ausmacht

Sich selbst bezeichnet er deshalb auch lieber als „handelnden Intellektuellen“. Was einen solchen ausmacht, warum Deutschland einen „Braindrain“ erlebt und wieso man auf dem roten Teppich immer hinter dem Franzosen gehen sollte, erläuterte Lepenies im Gespräch mit Team 9.

Sie sei keine Kollegenschelte, seine Definition von Intellektuellen als lame ducks, will Lepenies seine Worte verstanden wissen. Man müsse es eben auch schaffen „in Institutionen vorzudringen, in denen Entscheidungen getroffen werden“ – Oder man packt es gleich richtig an und gründet die passende Organisation eigenhändig. Als Lepenies das Collegium Budapest gründet, eine Einrichtung für „Advanced Studies“, also einem Treffpunkt für die besten Forscher der Welt, da war die Berliner Mauer gerade erst gefallen. Es war das postkommunistische Ungarn und es war Lepenies, ein Westdeutscher, geboren im ostpreußischen Deuthen, im heutigen Polen, der mitten im historischen Burgviertel von Buda ein Institut westlicher Prägung errichten wollte.

„Man braucht Ideen, die nicht utopisch sondern umsetzbar sind“, sagt Lepenies 21 Jahre danach.

Lepenies hat diese Ideen. Umsetzbare Utopien. Wohl auch deshalb ist er immer wieder Wunschkandidat derer gewesen, die diese Ideen von Berufs wegen finden müssen doch allzu oft dabei scheitern.

Als Gerhard Schröder rief, war Michael Naumann nach seinem kurzen politischen Ausflug gerade wieder auf dem Sprung auf die – finanziell lukrativere – Seite der Verleger und Lepenies stand ganz oben auf der Wunschliste der SPD für seine Nachfolge. Lepenies’ Antwort fiel knapp aus: „Wollen Sie nicht im Amt bleiben, Herr Naumann, und ich nehme ihr Jobangebot bei der ZEIT an?“.

Lepenies ist der Pragmatiker unter den Intellektuellen. Große Gesten liegen ihm fern. Er fordert lieber zu Diplomatie und entschiedenem Handeln auf.

Befragt zu einem vordringlichen Thema, das aus dem Fokus der Öffentlichkeit gerückt ist, erwähnt er die deutsch-französische Freundschaft. Trotz aller Beschwörungen liege diese „am Boden“. Er wünsche sich etwas mehr Mut der Verantwortlichen dieses Problem zu benennen und anzupacken.

Vor allem seine Kollegen aus dem Feuilleton würden sich seit langem dazu ausschweigen, so Lepenies.

Der Politik rät er, sich in Zurückhaltung zu üben. Helmut Schmidt sei da ein Vorbild. Er habe immer darauf geachtet auf dem roten Teppich einen Schritt hinter seinem französischen Kollegen zu gehen. Politiker seien eben auch nur Menschen und französische Politiker dazu noch besonders stolze. Ein wenig Demut stünde den Deutschen gut zu Gesicht, findet Lepenies deshalb – Wirtschaftskraft hin, Exportweltmeister her.

Und so springt Lepenies leichtfüßig zwischen großer politischer Bühne, innerdeutschem und Innerem hin und her, will nicht zu allem eine Meinung haben, denkt aber stets mit.

So auch zu den Revolutionen in Nordafrika. „Mit etwas Glück erleben wir dort gerade den ersten Schritt dieser Länder in die Moderne“. Aber kann in einem Land wie Libyen überhaupt eine Demokratie nach westlichem Maßstab entstehen?

„Das muss sie gar nicht“. In manchen Ländern gebe es bereits so etwas wie einen „aufgeklärten Despotismus“, unter dem Änderungen langsam Fuß fassen könnten. Das sei zwar kein Plädoyer für die Unterstützung von Diktatoren, es sei jedoch klar, dass es „viel Zeit bedarf, um Einstellungen und Auffassungen zuverbreiten“.

Bei der Abwanderung von gut ausgebildeten Fachkräften, dem so genannten „Braindrain“ fehlt Deutschland diese Zeit. Es ist ein Thema zu dem Lepenies immer wieder Stellung bezogen hat. Der Begriff sei fälschlicherweise negativ besetzt, dabei sei die „Mobilität der Arbeitnehmer per se erst einmal nichts Schlechtes“. Man müsse aber Anreize schaffen, um die klügsten Köpfe in Deutschland zu halten. Die Exzellenzinitiative sei ein guter Vorstoß gewesen, findet der handelnde Intellektuelle Lepenies.

Den Bolognaprozess und die Internationalisierung  um jeden Preis watscht er ab: „In den Rankings wird immer nur nach den Spitzen geschaut, dabei sind die schlechtesten deutschen Unis sehr viel besser als die schlechtesten in den USA“. Es habe in Deutschland zuvor eine gewisse „Humboldtsche Denktradition“ gegeben auf der man lokalspezifischer hätte gründen können, sagt Lepenies.

Und wo wir gerade bei Humboldtschem Denken waren: Vielleicht würde der große deutsche Wissenschaftler einen Salto in seinem Grab vollführen, erführe er von Karl Theodor zu Guttenbergs vermeintlichem Betrug beim Verfassen seiner Doktorarbeit. Lepenies ist es zumindest „unverständlich, dass er gelogen hat“. Er zieht den Kreis noch weiter: „Der Betrug untergräbt die Grundwerte unserer Republik“, denn, „unsere Rohstoffe sind unsere Gehirne“. Mit seinem Verhalten hätte der Ex-Minister nicht nur bürgerliche Schichten verärgert. „Am Ende noch die Bundeswehrsoldatinnen in die Sache mit herein zu ziehen ist einfach ungeheuerlich“.

„Herr Lepenies, vielleicht noch ein paar Worte zur Berichterstattung der BILD zu diesem Thema?
„Nein, keine Auskunft. War es das dann?“
„Ja, das war es, Herr Lepenies“
„Nun gut…aber mit einem ‚T’“

Mathis Vogel

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Autor: student Kategorie: A bis Z, Gäste der Akademie | Kommentare deaktiviert

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