19.10.2009

Herr Baron, retten Sie uns!

In meinem Kopf breiten sich die Klischees aus. Ein wohlhabender FDP-Baron, der den Fußball- und Arbeiterverein Schalke 04 berät, schwierig in Einklang zu bringen. Schlossbesitzer, Unternehmer, PR-Berater… mein Kopfkino ist ausverkauft. Und dann bezeichnet der sich auch noch als “Schalke-Fan”. Verwechselt er da vielleicht Fan-Leidenschaft mit Job-Pflicht?

gumppenberg
Leidenschaftlicher Einsatz: Dietrich von Gumppenberg im Roten Salon der Akademie, neben ihm die Moderatorinnen Ricarda Landgrebe und Carolin Wilewski von Team 6 (Foto: Manuel Bewarder)

Dietrich Freiherr von Gumppenberg ist bei uns zu Gast. Freundlich schüttelt der Baron unsere Hände, sagt immer wieder liebevoll “Grüß Gott” und blickt dann etwas ratlos in die Runde: “Ich weiß nicht ganz genau, was ich erzählen soll.”

Vielleicht, wie das so war, als Skandal-Lidl auf ihn zukam und nach Hilfe bat. Oder warum er die CSU im Zorn verließ und zum FDP-Politiker wurde. Oder was auf Schalke seit Jahren schief läuft. Genug zu erzählen müsste der Meister der Krisenkommunikation doch haben.

Erst einmal erklärt uns der 68-jährige Familienvater, was ihn vor 29 Jahren in die Selbstständigkeit führte. “Ich wollte nicht auf das Kommando Anderer hören, also gründete ich meine eigene PR-Agentur.” Mit einer Halbtagssekretärin und einer Schreibmaschine habe er damals angefangen. Heute gehören neben Schalke und Lidl auch das Bundeswirtschaftsministerium und der Industriekonzern “evonik” zu den Kunden seines Unternehmens.

Es sind recht banal scheinende Werte, die von Gumppenberg den kriselnden Unternehmen beibringen will: Transparenz und Aufrichtigkeit. “Die eigene Schuld erkennen, das ist das Wichtigste”, sagt er. Wen er niemals beraten würde? “Nordkorea…und alles was mit Krieg zu tun hat.” Sein größter Fehler? Da muss der Baron lange überlegen. Seine Karriere scheint keine schwerwiegenden Makel zu haben. Hochkarätige Firmen kommen immer wieder auf ihn zu, brauchen Hilfe vom weisen PR-Fachmann. Über aktuelle Kunden redet er nur “off the record”. Diese Redewendung benutzt er mehrere Male an diesem Abend.

Dietrich von Gumppenberg wirkt sehr entspannt. Ich habe das Gefühl, er mag uns Journalistenschüler. Wenn er gerad nicht über das Geschäft reden möchte, spürt man das schnell. Dann holt er sein iPhone aus der Tasche und zeigt uns Fotos seines zweijährigen Sohnes. Oder er erzählt von Schloss Peuerbach, das sich seit 400 Jahren im Familienbesitz befindet und Stolz der Familie von Gumppenberg ist. Wir erfahren, dass “in der Bibliothek viereinhalbtausend Bücher stehen, auf 50 Quadratmetern”.

Von Gumppenberg muss seinen Klienten erklären, was sie falsch machen. Offen spricht er auch über seinen CSU-Austritt (“Strauß beschimpfte mich als aristokratischen Pisser”) und über seine jetzige Partei, die FDP (“Ich empfehle Westerwelle einen Englischkurs”).

Dietrich von Gumppenberg ist nicht so eiskalt, wie ich mir ihn einen Unternehmensberater und nicht so antiquiert wie ich mir einen Schlossbaron vorgestellt habe. Nur eine wahre Fan-Leidenschaft für Schalke 04 kauf ich dem stolzen Niederbayern nicht ab.

Lukas Hermsmeier

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 6 Kommentare »

6 Kommentare zu “Herr Baron, retten Sie uns!”

  1. mbd

    Nordkorea würde er nicht beraten. Und sehr nett war er.

    Das nennt man wohl PR-Profi. Ich bleibe lieber Journalist.

  2. Marc Baron

    Ich rette gern.

  3. AM

    @ Marc Baron:

    Keine Punchline auslassend. Sehr gut, so bringt man’s zum Schlossherrn! :-)

  4. jen

    @mbd: Es ist nun mal sein Job. Er redete viel über Idealismus – und den bringt er für seinen Beruf mit, wie Du ihn für den Journalismus mitbringst.

  5. mbd

    @jen
    Ja, deshalb fand ich auch, dass dieses Generale eines der besten war. Niemals sprach er von oben herab. Er ist sehr gut in seinem Fach – und das 1,5 Stunden in so angenehmer Atmosphäre zu erleben, war beeindruckend und lehrreich, Er braucht uns. Wir brauchen ihn. Nur nachvollziehen kann ich seine Ansichten eben nicht.

  6. Ben

    @Jen: Stimmt, den Eindruck hatte ich auch.

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