GASTBLOG: Das Netz ist kein Schnorrer-Medium
Am Sonntag war die Neugierde einfach zu groß: Die Titelgeschichte des SPIEGELS über das Netz wollte ich unbedingt lesen, nicht erst am Montag, sondern so schnell wie möglich. Also habe ich 3,70 Euro ausgegeben und mir den SPIEGEL online als E-Paper gekauft. Was ich noch nie gemacht hatte und mir die Erkenntnis gebracht hat: Natürlich bezahlt man für Inhalte im Netz auch Geld…
Zum Jubeln für Verlage und andere Inhaltsbieter ist es dennoch zu früh – bzw. es gibt gar keinen Anlass dafür. Das kleine Beispiel am Anfang sollte lediglich belegen, dass es schlichtweg falsch ist, wenn man dem digitalen Netzbürger unterstellt, er wolle alles und immer kostenfrei. Es gibt schon eine Bereitschaft zu bezahlen, es ist auch nicht so, dass das Netz ein “Schnorrermedium” ist.
Allerdings (und das ist vermutlich überall in einer Marktwirtschaft so): Die Zahlungsbereitschaft differenziert sich viel stärker als noch zu den Zeiten, als man einfach das Produkt Zeitung bezahlte und dabei ggf. auch hinnahm, dass die Hälfte des Produkts ungelesen im Altpapier verschwand. Wer heute Medien konsumiert und dafür bezahlt, selektiert strenger. Er ist vielleicht bereit, für den einen, ihn interessierenden Testbericht der “Stiftung Warentest” zu bezahlen – deswegen will (und muss) er ja nicht gleich das ganze Heft kaufen.
So gesehen passiert unserer Branche also momentan nichts anderes als der Musikbranche. Auch da war irgendwann der Verdruss groß, dass man wegen zwei oder drei guter Stück gleich ein ganzes Album kaufen musste. Am Beispiel von Apples iTunes sieht man übrigens auch recht schön, dass es immer auch funktionierende Geschäftsmodelle abseits der bisher bekannten gibt.
Ein Inhalte-Geschäftsmodell der Zukunft wird also sehr wahrscheinlich auf vielen einzelnen Säulen stehen müssen. Für spezialisierte Inhalte wird man Geld verlangen können, keine Frage. Für alles, was alle anderen auch bieten, wird es keine Bezahlung geben; das ist, wenn man so will, ein ziemlich einfaches Gesetz der Marktwirtschaft. Rupert Murdoch jedenfalls, der jetzt vor seinen Inhalten wieder ein Kassenhäuschen aufstellen will, könnte im Forum einer seiner australischen Zeitungen schon nachlesen, wie schwach seine Position in Sachen “Paid Content” ist. Einer seiner User nämlich schrieb: “Let’s see. Delete bookmark. Navigate to different news site. Create new bookmark. Rupert who?” (Gerade Murdoch müsste es übrigens doch wissen: Pay-TV läuft auf Deutschlands übersättigtem Fernsehmarkt ja auch nur mittelgut; würden heute mal eben 15 Sender vom Bildschirm verschwinden, wäre das was anderes. Werden sie aber nicht.)
Den SPIEGEL habe ich übrigens bis heute noch nicht ausgelesen: Mit Laptop auf die Couch, das bringe nicht mal ich fertig. Heute Nachmittag besorge ich mir die gedruckte Ausgabe.
Christian Jakubetz
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »


Am 18. August 2009 um 15:25 Uhr
Diese Einschätzung teile ich voll und ganz. Vielleicht sollten die Anbieter der deutschen Internetportale auch nochmal versuchen, eine einheitliche Linie zu finden. Was bei Paid Content besser werden muss: Die Art und Weise, wie ich online bezahle. Es wirkt auf viele potenzielle Kunden eher abschreckend, wenn sie sich erst einen Account bei Pay Pal einrichten müssen, bevor sie online einen Artikel kaufen können. Das sind Hürden, die nicht jeder Leser nehmen will.