21.7.2009

GASTBLOG: Wie twittern deutsche Nachrichten-Websites?

Der britische Internet-Experte und Medien-Blogger Paul Bradshaw (Online Journalism Blog) hat vor wenigen Tagen statistisch analysiert, wie britische Tageszeitungen Twitter nutzen: Newspapers on Twitter – how the Guardian, FT and Times are winning. So folgen zum Beispiel bemerkenswerte 831.000 User dem Guardian auf Twitter.

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Doch wie werden die Twitter-Angebote deutscher Nachrichtenseiten genutzt? Eine Bestandaufnahme:

Für die 40 reichweitenstärksten deutschen Nachrichtenangebote (Grundlage: AGOF-Zahlen Q1 2009) habe ich die wichtigsten Kennzahlen der Twitter-Profile analysiert:

- Follower: Wie viele Nutzer folgen dem Twitter-Profil?
- Following: Wie viele Nutzer beobachtet das Twitter-Profil selbst?
- Status Updates: Wie aktiv ist das Twitter-Profil, wie viele Tweets werden täglich veröffentlicht?
- Seit wann wird Twitter genutzt?
- Außerdem: Wie setzt die Redaktion Twitter ein? Dialogorientiert im Austausch mit den Nutzern – oder als Distributionskanal für den RSS-Feed? Eine Linkquote nahe 100 Prozent  deutet darauf hin, dass eine Redaktion den Service kaum aktiv nutzt und stattdessen nur den RSS-Feed der eigenen Site in Twitter reinpumpt.

Mit dem Twitter-Tool Twanalyst lassen sich alle Daten schnell und unkompliziert erheben.

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Topscorer und Trends:

* Deutschlands Twitter-König ist SPIEGEL Online mit mehr als 18.000 Followern. Mit deutlichem Abstand  folgt Zeit Online auf Rang zwei (8.600 Follower).
* Die meisten deutschen Nachrichten-Websites erreichen via Twitter drei- oder gerade mal vierstellige Nutzerzahlen. Das ist vergleichbar mit der Zahl der Empfänger, die ein deutscher Kleinstadt-Club mit seinem Vereins-Newsletter erreicht. Unter Reichweitengesichtspunkten ist Twitter damit für die meisten Nachrichtenangebote vorerst unerheblich.
* Die ältesten Account haben die FAZ und Focus Online (jeweils April 2007).
* Die meisten Status Updates veröffentlicht hat Focus Online (46.000)
* Die Berliner Morgenpost hat die meisten Twitter-Streams fremder User abonniert (4.800)
* Den höchsten täglichen Output produziert SPIEGEL Online über seinen Eilmeldungen-Account  – durchschnittlich werden 83 Tweets pro Tag veröffentlicht.
* Die meisten deutschen Nachrichtenseiten begnügen sich mutmaßlich damit, ihren RSS-Feed automatisiert über Twitter zu veröffentlichen. Ein Dialog mit den Nutzern findet damit nicht statt.
* Die meisten Nachrichtenwebsites twittern unter einem – unpersönlichen – Redaktionsprofil. Echtnamen-Profile wie das von WiWo-Chef Roland Tichy sind selten.
* Ebenso rar gesät sind Humor und persönliche Randgeschichten aus der Redaktion – Ausnahmen bestätigen die Regel:

tagesspiegel

Die komplette Twitter-Statistik gibt’s auf Google Spreadsheets.

Markus Hofmann

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Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »

4 Kommentare zu “GASTBLOG: Wie twittern deutsche Nachrichten-Websites?”

  1. n_tre

    Es ist für mich als Journalistin nach wie vor eine unbeantwortete Frage, wie relevant Twitter wirklich ist und wie viel bei Twitter nur Hype ist.

  2. cru

    Vor allem möchte ich nicht eine vermeintlich witzige interne Info aus einer Redaktion via Twitter lesen. Darunter leidet für mich die Glaubwürdigkeit. Insofern ist es gut, dass davon bisher nur wenig Gebrauch gemacht wird.

  3. d1734

    erstaunlich bleibt dabei allerdings, dass welt kompakt (verfechter der witzigen internen infos) bezogen auf die follower doch deutlich vor welt online liegt. von daher ist außerhalb aller abwägungen zu journalistischer glaubwürdigkeit der aspekt infotainment/unterhaltung anscheinend doch dem erfolg zuträglich.

  4. jfe

    @n_tre wenn Dein Text für ein anderes Thema aus dem Blatt fliegt, und der Kollege sagt “das Thema habe ich bei Twitter gefunden”, kannst Du ja noch mal fragen.

    @cru Humor macht unglaubwürdig? Verschwiegenheit und Abschotten machen glaubwürdig? Geheimnistuerei schafft Vertrauen? Menschlichkeit beschädigt Seriosität?