4.7.2009

Vom Liberalismus und der Unerträglichkeit des Web 2.0

Tragen Journalisten eine Mitschuld an der Finanzkrise? Ist der Liberalismus gescheitert? Wie entwickelt sich die Zeitungskrise weiter?

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Foto: Karolin Schneider

Wir fragen einen, der es wissen muss: Hans D. Barbier, promovierter Volkswirt, Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung und seit 40 Jahren Wirtschaftsjournalist, unter anderem als Kolumnist bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ).

Er lächelt viel und spricht mit sanfter Stimme, seine Worte wählt er bedacht. Doch schon bald merken wir, dass der 72-Jährige seine Überzeugungen kompromisslos vertritt. Zum Beispiel die, dass der Liberalismus auch in Zeiten der Finanzkrise das beste Wirtschaftsmodell ist. Entsprechend scharf kritisiert er die Krisenarbeit der großen Koalition. Den Markt nach besten Möglichkeiten sich selbst überlassen, dass ist Barbiers Credo. Wie man das macht, darüber unterrichtet er inzwischen auch Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in seiner BILD-Kolumne “Was würde Ludwig Erhard dazu sagen?” Lehrstoff: Die Soziale Marktwirtschaft.

Dass heute viele Wirtschaftsjournalisten wie Barbier darüber schreiben, wie man aus der Weltwirtschaftskrise [pdf] herauskommt, erscheint uns nicht so interessant wie die Frage: Hätten die Journalisten sie nicht im Voraus erkennen müssen? Barbier wiegelt ab. Zu komplex sei das weltweite Wirtschaftsgeflecht heute, um es in seiner Gänze  durchschauen zu können. “Das können auch gut ausgebildete Leute niemals leisten. Selbst die brauchen die Unterstützung von ausgebufften Leuten am Kapitalmarkt.” Dennoch glaubt er, dass wir etwas aus der Krise lernen können – nämlich, dass Journalisten heute viel mehr Spezialwissen brauchen als bisher.

Als wir ihn auf eine andere Krise ansprechen – die der Zeitungsbranche -  wirkt Barbier aufgewühlt. Als Print-Mann alter Schule sieht er dafür vor allem eine Ursache. “Das Internet ist eine Bedrohung der gedruckten Presse”, sagt er und meint es genau so. Wir müssen uns das Lachen verkneifen, denn damit hat der Zeitungsveteran in einem Satz allem widersprochen, was wir im letzten halben Jahr über crossmediales Denken und Arbeiten gelernt haben.

Doch Barbier redet sich jetzt erst in Rage, er lässt seiner Frustration über das Web 2.0 freien Lauf: “Die Leute wollen alle selbst reden, keiner will mehr lesen oder zuhören. Man müsste ein neues Medium erfinden, damit das erträglich wird.” Er selbst habe, wie er freimütig zugibt, bislang so gut wie keine Erfahrungen mit dem Internet gesammelt. Wolle er aber auch gar nicht. Denn dass die Qualität des Journalismus im Internet abnehme, könne man ja abschätzen. Dass selbst Thomas Schmid, Chefredakteur der WELT-Gruppe, ein Blog betreibt, findet Barbier schade, denn: “Ich vermisse ich ihn bei meiner täglichen Lektüre der WELT.”

Und was ist mit den Möglichkeiten, die das Netz Journalisten bei der Informationsbeschaffung bietet, wie bei den Unruhen im Iran? Diese Geschichte habe ihn angerührt, räumt Barbier nach kurzem Zögern ein. Dann ein weiteres Einlenken: Wie man zum Internet stehe, sei halt auch eine Generationenfrage. Er verspüre nunmal Trauer, denn: “Ich liebe nicht den Journalismus, sondern die Zeitung.”

Doch auch wenn Barbier das Internet ablehnt, bleibt er am Ende konsequent Liberaler: “Sollte das Bloggen bedroht werden, wäre ich der Erste, der auf die Straße geht und mitbloggt.”

Johannes Wiedemann

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Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »

3 Kommentare zu “Vom Liberalismus und der Unerträglichkeit des Web 2.0”

  1. kellerabteil

    Zu komplex sei das weltweite Wirtschaftsgeflecht heute, um es in seiner Gänze durchschauen zu können.

    ausrede und gruppenselbstbetrug der möchtegern-experten. die krise war nachweislich voraussehbar, es wurde ausreichend getan, nur dass eben dieses mediensystem, das v.a. solche “experten” favorisiert, diese analysen nicht durchgelassen hat.

  2. tazmanischer teufel

    Da wartet Barbier sehnsüchtig auf die Ablösung des Internets durch ein neues Medium. Wie kurios, interessiert ihn doch das jetzige Dominante schon nicht im geringsten.
    Rührend findet er, was das Internet und Web 2.0 den Bürgern im Iran ermöglicht haben? Ich finde es rührend, wie er sich selbst mit seinen Ansichten auf dem Friedhof der ewig Gestrigen begräbt.

  3. 6 vor 9: Riepl, Barbier, Tanzbein, Krise » medienlese.com

    [...] 2. Hans D. Barbier liebt den Journalismus nicht (axel-springer-akademie.de/blog, Johannes Wiedemann) Der FAZ-Kolumnist und Vorsitzende des Vorstands der Ludwig-Erhard-Stiftung Hans D. Barbier hat keine Erfahrungen mit dem Internet gesammelt und will das auch gar nicht. Er sagt es offen – ihm geht es um die Form, nicht um die Inhalte: “Ich liebe nicht den Journalismus, sondern die Zeitung.” [...]