18.6.2009

Ein unerschütterlicher Optimist

Zu Gast an der Akademie: Der Präsident des Bundesverbands für Großhandel. Er findet die deutsche Wirtschaft großartig und glaubt an historische Chancen, selbst in schwersten Krisenzeiten.

img_1789
Anton F. Börner im Roten Salon, neben ihm Sabrina Treisch und Kristof Stühm von Team 5 (Foto: Jennifer Fuhr)

Alles nur Gerede? Anton F. Börner überzeugt mit klaren Worten, Optimismus und klugen Argumenten.

Wie sieht ein mächtiger Vertreter der deutschen Wirtschaft aus? Man erwartet einen Mann Mitte 50 im dunklen Anzug, mit Geheimratsecken auf dem Kopf, Initialen auf dem Hemd, Aktentasche in der Hand und einem Pressesprecher, der ihm nicht vor der Seite weicht. Auf den ersten Blick ist BGA-Präsident Anton F. Börner genau so ein Typ.

Aber da ist das kleine Gummiband, das ein offenbar abgebrochenes Lederbändchen an der sicherlich teuren Armbanduhr ersetzt. Und da sind die klugen Augen, die neugierig in die Runde blicken.

Börner ist ein Optimist. Schon nach wenigen Minuten hat er die Wirtschaftskrise in eine historische Chance umgedeutet. “Niemand auf der Welt hat ein Interesse am großen Crash”, sagt er. Zum ersten Mal in der Geschichte säßen Europäer, Russen, Amerikaner und sogar die Kommunistische Partei Chinas zusammen am Tisch. Was für die einen gut sei, nutze auch allen anderen. Börner setzt seine Hoffnung vor allem auf China. Das gigantische Wachstum im Land der Mitte werde die ganze Welt verändern, sagt er.

Aber gibt es dort nicht auch zunehmend viele Kluften in der Gesellschaft – zwischen Arm und Reich, zwischen Jung und Alt, zwischen Stadt und Land – die das Wachstum gefährden? Diese Frage habe er auch einmal einem chinesischen Regierungsvertreter gestellt, erzählt Börner. Und der habe ihm mit einem Deng-Xiaoping-Zitat geantwortet: “Einige müssen zuerst reich werden.”

Noch glaube die chinesische Bevölkerung, dass Stück für Stück das ganze Volk wohlhabend werden könne. Börner ist optimistisch, dass dieser Glaube auch noch lange anhalten werde. Die chinesische Führung sei sich der Risiken schließlich bewusst und habe alle möglichen Szenarien durchgespielt. Man könne je nach Entwicklung Trümpfe ausspielen: weitere Konjunkturpakete zum Beispiel oder eine Lockerung der Meinungsfreiheit. Kritisch werde es in China erst dann, wenn Unvorhergesehes passiere.

Das wiederum ist laut Börner eine Chance für die Deutschen. Denen sage man schließlich in der ganzen Welt nach, Ordnung ins Chaos bringen und Problem offensiv begegnen zu können [> schöne Fotostrecke]. “Deutsche Ideen und deutsche Ingenieure werden in den kommenden Jahrzehnten massiv gefordert werden”, folgert der Verbandspräsident. Bei den Begegnungen mit fremden Kulturen sollten sich die Europäer unbedingt für mehr Meinungsvielfalt und mehr Menschenrechte einsetzen: “Wir dürfen unsere Werte nicht verleugnen, um zwei Flaschen Mineralwasser mehr zu verkaufen.”

“Was können wir von den anderen Ländern lernen?”, so lautet unsere letzte Frage an Anton F. Börner. Er beantwortet sie nicht, nutzt sie aber als Vorlage für einen Rundumschlag. “Wir leben in einer Klüngelgesellschaft”, sagt er. Wer keinen Schulabschluss schaffe, mit seiner Firma pleite gehe oder über 50 seinen Arbeitsplatz verliere, der habe in Deutschland keine Perspektive mehr. “Das ist grob unsozial.” Und weiter: Das Schulsystem gehöre reformiert. Die politische Klasse stelle sich nicht den Realitäten. Die Journalisten trauten sich nicht mehr, kritische Fragen zu stellen.

Es liegt also vieles im Argen in dieser Welt, und Anton F. Börner hat das erkannt. Dass er trotzdem ein unerschütterlicher Optimist geblieben ist, das beeindruckt am Ende am meisten.

Matthias Kluckert

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | 2 Kommentare »

2 Kommentare zu “Ein unerschütterlicher Optimist”

  1. pessimist

    Zitat:
    “Noch glaube die chinesische Bevölkerung, dass Stück für Stück das ganze Volk wohlhabend werden könne. Börner ist optimistisch, dass dieser Glaube auch noch lange anhalten werde.”

    Bedeutet das, Herr Börner hofft nicht, dass sich die gravierenden Vermögensungleichheiten irgendwann TATSÄCHLICH abschwächen?
    Ist er also mit der aktuellen Situation zufrieden, in der dem schlecht bezahlten Wanderarbeiter nur der Glaube bleibt, trotz der von ihm täglich real geleisteten Arbeit, erst irgendwann einmal in unbestimmter Zukunft am wirtschaftlichen Erfolg seines Landes partizipieren zu können?
    Hat er womöglich das Bild eines Esels im Kopf, dem man ständig eine Möhre vor das Maul hält, die er jedoch nie zu fressen bekommt, nur um das Arbeitstier am Laufen zu halten?
    Wenn ja, würde das meine Meinung von unserer Wirtschaftselite bestätigen.

  2. maTze

    @pessimist:

    In den Jahren des Wirtschaftsbooms hat sich die Lebenswirklichkeit für alle Chinesen TATSÄCHLICH nachhaltig verbessert. Wir sollten bei aller Kritik nicht außer Acht lassen, dass in China vor den Wirtschaftsreformen noch regelmäßig Menschen verhungert sind.

    In allen Regionen des Landes hat sich seit 1978 viel getan. Es gibt Förderprogramme gerade für die schwächeren Regionen, beeindruckende Infrastrukturprogramme für die abgelegenen Landesteile etc. Gerade auch das aktuelle Konjunkturprogramm konzentriert sich vor allem auf Infrastruktur und Sozialleistungen.

    Dass es trotzdem noch viel zu tun gibt, steht außer Frage. Die Korruption frisst große Teile der Subventionen auf; und natürlich wächst der Lebensstandard auf dem Land sehr viel langsamer als in den Städten. Dennoch: das Deng-Zitat ist ernst gemeint und hat als Strategie bisher gut funktioniert.

    In den aktuellen Krisenzeiten werden die Errungenschaften der jüngsten Jahre auch in China zunehmend in Frage gestellt. Jeder weiß, dass soziale Unruhen dort nicht mehr ausgeschlossen werden können. Denn sobald die Mehrheit der Bürger nicht mehr an weiteres Wachstum glaubt, kann sich die Regierung nicht mehr halten.

    Vor diesem Hintergrund ist Börner nicht zynisch zu verstehen. Sondern er meint, dass die Regierung die Krise meistern kann, damit weiteres Wachstum sichert – und damit wiederum den Glauben der Bürger an die Regierung sichern kann. Eben WEIL ihre Hoffnung dann real sind.

    Dass die Wanderarbeiter “erst irgendwann einmal in unbestimmter Zukunft am wirtschaftlichen Erfolg des Landes partizipieren” können, ist indes ein Irrglaube. Die Wanderarbeiten partizipieren sehr wohl schon heute. Zugegebenermaßen nicht genug; aber was wäre denn die Alternative zur aktuellen Strategie der Regierung?

Einen Kommentar schreiben