15.6.2009

Der Sport braucht eine Anti-Korruptions-Agentur

In Coventry geschah in dieser Woche wieder mal Ungewöhnliches: Sportjournalisten, Politiker, Aktive und Funktionäre aus aller Welt trafen sich zum fünften Mal zur Konferenz “Play the Game”.

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Auf der Agenda standen die virulenten und aktuellen Themen des Sports und damit des Sportjournalismus: Was sind Perspektiven des Sports in Zeiten der Finanzkrise? Welche Lehren lassen sich aus den Olympischen Spielen in Peking für jene 2012 in London ziehen? Die Machtverhältnisse im Fußball, der Kampf gegen Doping und Korruption.

Montag
Jens Sejer Andersen, dänischer Chef von PTG, begrüßt in der Kathedrale von Coventry fast 300 Besucher aus 31 Ländern. Überraschend nicht mit dabei: Muhammad Dhakaba aus Uganda, der kein Visum für den Trip nach Coventry bekam. Er war für den Dienstag als Redner zu den dramatischen Zuständen des Fußballs in seinem Land eingeplant. Dhakaba sollte nicht der einzige Gast bleiben, der unter merkwürdigen Umständen kurzfristig nicht kommen konnte.

Prominentester Redner am Auftakttag ist Uefa-Sprecher William Gallard. Er warnt davor, dass die permanente Dominanz weniger reicher Klubs dem Sport seinen Reiz rauben könnte. Eine interessante These für den Vertreter eines Verbands, der die Geldmaschine Fußball maßgeblich mit Treibstoff betankt.

Fan-Aktivist David Boyle, formuliert das Zitat des Tages: “Sport is what we do to feel alive.”

Dienstag
Greg Lemond nimmt bei seinem Vortrag kein Blatt vor den Mund: “Der Radsport befindet sich immer noch auf dem Weg in Richtung Untergang. Radsportler dienen Sportmedizinern oft als Laborratten. Im Radsport werden die schlimmsten Szenarien Wirklichkeit.” Lemond gewann in den Achtzigern dreimal die Tour de France und gilt als einer der wenigen sauberen Gewinner der Rundfahrt. Er ist ein heftiger Kritiker seines Landsmanns Lance Armstrong. Fast zeitgleich erklärt Laurent Fignon, ein weiterer ehemaliger Tour-Sieger und Kontrahent Lemonds, im französischen Radio, dass er an Krebs erkrankt sei. Folgeschäden des Dopings zu seiner Zeit als Radprofi, meint Fignon.

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Mittwoch
Mario Goijman, ehemaliger Volleyball-Funktionär aus Argentinien, erklärt in einer bewegenden E-Mail, dass auch er nicht nach England kommen kann. Grund: Er darf nicht ausreisen. Goijmann hatte 2002 Interna über die unglaublichen Vorgänge im Reich des damaligen Volleyball-Präsidenten Rubén Acosta veröffentlicht, und war seitdem beruflich und privat ins Abseits gedrängt worden. Bis heute dauern die Rechtsstreitigkeiten an.

Dafür redet Christer Ahl, bis vor wenigen Tagen Chef der Schiedsrichter-Kommission im Welthandball-Verband IHF. Was er zu berichten hat, ist nicht minder skandalös: “Es fehlt an Verantwortung und Verantwortungsbewusstsein, um die Probleme des Handballs zu lösen. Es braucht Hilfe von außen.” Der Ursprung allen Übels sei Präsident Hassan Moustafa aus Ägypten, der kürzlich unter einigermaßen kruden Umständen in seinem Amt bestätigt wurde.
Und auch Dick Pound hat wieder geredet: Der ehemalige Chef der Welt-Anti-Doping-Agentur und heutige IOC-Abgeordnete gehört fast schon zu den Stammgästen bei PTG. Der Kanadier referierte über den Status Quo im olympischen Zirkel zehn Jahre nach dem Bekanntwerden des Bestechungsskandals um die Spiele von Salt Lake City. Sein Fazit: “Auch bei der Vergabe von den Spielen in Peking und London war nicht alles sauber.” Wen wunderts.

Donnerstag
Haben Kriminelle mittlerweile mehr Privatsphäre als Spitzensportler? Mit dieser provokanten These sah sich David Howman, General-Direktor der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, in seinem Vortag konfrontiert. Hintergrund: Die verschärfte Verfügbarkeit für Sportler für Doping-Kontrollen, die Athleten-Sprecher Yves Kummer zuvor kritisiert hatte. “Die Wada existiert im Sinne der sauberen Athleten. Offenheit und Transparenz sind der Grundstein unserer Zusammenarbeit”, antwortete Howman. In die selbe Kerbe schlägt der italienische Doping-Fahnder Sandro Donati, der sich zudem über Athleten äußert, denen Kokainkonsum nachgewiesen wurde: “Möglicherweise sind auch sie als gedopt zu betrachten. Ein Athlet, der Kokain zu sich nimmt, ist kein Sportler nach regulärem Verständnis.” Bisher hatten positive Kokain-Befunde den Sportlern oft einen Weg vorbei an langen Doping-Sperren ermöglicht.

Freitag
Der Abschlusstag war der Tag der großen Namen. Zunächst wurde Declan Hill mit dem diesjährigen PTG-Award ausgezeichnet. Hill hatte vor einem guten halben Jahr mit seinem Buch “Sichere Siege” für Aufsehen gesorgt. Darin tauchen ominöse Wettpaten aus Asien auf, die mit angeblich weite Teile des Profifußballs unterwandert haben. Namen nannte Hill in seinem Buch allerdings nicht.

Der Schlussakt blieb Andrew Jenings vorbehalten. Der britische Investigativ-Journalist präsentierte seine neuesten Recherchen rund um den Fußball-Weltverband Fifa. Schwerpunkt: Die englische Bewerbung für die WM 2018, wo offenbar merkwürdige Dinge passieren. An Jennings war es auch, die Abschluss-Erklärung der fünften PTG-Konferenz vorzutragen. Quintessenz: Der Sport kann sich nicht selber helfen, es braucht, analog zu den Anti-Doping-Agenturen, eine Anti-Korruptions-Agentur. Eindringliche Beweise dafür lieferte die Konferenz zur Genüge.

Simon Pausch

Autor: student Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “Der Sport braucht eine Anti-Korruptions-Agentur”

  1. Internetagentur

    Ich denke nicht dass der Sport so rapide an Zuschauern verliert, deshalb denke ich sind solche Aktionen noch nicht nötig. Wenn es auch pure Korruption geben würde, würden es die Menschen trutzdem sehen wollen -> siehe WWF Catchen. Es gibt Milionen die das gucken, obwohl es Schauspielerei ist.

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