GASTBLOG: Eine Zensur findet nicht statt
An all den 60-Jahr-Feiern der letzten Tage haben wir Journalisten vor allem berichterstattend mitgewirkt. Doch es gibt auch einen Grund, persönlich in Feierlaune zu geraten: Seit sechs Jahrzehnten können Journalistinnen und Journalisten in Deutschland so arbeiten, wie es sich gehört: unzensiert. Als der Artikel 5, Absatz 1 des Grundgesetzes im Mai 1949 in Kraft trat, war diese Regelung etwas Neues, Gutes, eine Lehre nicht nur aus der Nazizeit.
“Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.”
Großartig! Auch wenn es naiv wäre zu glauben, dass es reicht, Pressefreiheit grundgesetzlich zu garantieren. Sie muss ständig gegen Anfechtungen und Verwässerung verteidigt werden. Gegen so etwas wie Vorratsdatenspeicherung von Telefon- und Internetdaten zum Beispiel. Oder gegen Behörden, die “undichte” Stellen über Strafanzeigen gegen Journalisten und Durchsuchungen von Redaktionen zu enttarnen versuchen.
Aber: Wir können gegen das Aushöhlen anschreiben (oder Fernsehfilme drehen, oder Radiobeiträge aufsprechen), ohne uns oder andere dabei zu gefährden. Beim Thema Pressefreiheit sehen die Reporter ohne Grenzen Deutschland auf Platz 20 von 173.
Der Fragebogen [pdf], dessen Antworten die Grundlage für diese Rangfolge bilden, lässt erahnen, wie offen nach oben (oder besser: unten) die Skala ist: “Wie viele Journalisten wurden ermordet?”, heißt es da. “Wie viele Morde wurden unter Beteiligung des Staates begangen?”
Es lässt sich trotz einigen Unbehagens gut leben als Journalist in Deutschland. Warum aber macht so ein Urgestein des Journalismus wie Friedrich Nowottny, ein Fernseh-Vorbild für viele, an seinem 80. Geburtstag Stimmung gegen unseren Beruf? “Das ist alles schwierig” geworden, sagte er in einer Feierstunde.
Womit er natürlich Recht hat, doch war es je anders? Hatten es Journalisten je leicht? Journalismus sei “in die Mühlsteine der wirtschaftlichen Interessen geraten”, findet er, und als sein Enkel ihn um Rat fragte, riet er ihm von dem Beruf ab, den er selbst dereinst als “schönsten der Welt” erlebte.
Ja potzblitz, wirtschaftliche Interessen! Will uns da einer weis machen, nur weil er für die gebührenfinanzierten Öffentlichen arbeitete, bekam er nichts mit vom subtilen Einfluss der Wirtschaft auf so ziemlich alle Redaktionen Deutschlands? Welche Lokalzeitung (denn vor allem die geraten in diese Zwickmühlen) kann von sich sagen, dass sie nie zögerte, etwa Supermarkt X zu kritisieren, wenn davon der Jahresumsatz abhing? Das ist auch eine Art Zensur, vor der einen das Grundgesetz nicht schützt.
Solchen Konflikten muss sich Nowottnys Enkel künftig immerhin nicht stellen. Vielleicht schlägt er aber auch den großväterlichen Rat in den Wind und geht seinen eigenen Weg – Das wäre im Zweifel bereits der erste Schritt hin zum selbstbewussten Journalisten, der sein Berufsethos verteidigen kann.
Wer es übrigens auch ohne die Hilfe von Verwandten zum Journalisten schaffen möchte: Die Agentur für Arbeit unterstützt einen dabei nach bestem Wissen und Gewissen. Ganze fünf (!) Einträge erhält, wer nach “Journalismus” sucht: Auslandskorrespondent, Bildredakteur, Journalist (Hochschule), Journalist (schulische Ausbildung) und Video-Journalist (jeweils natürlich auch weiblich /in). Nur durch Zufall bin ich dann doch noch über den “Online-Redakteur” gestolpert, als ich das “A bis Z” durchklickte; scheint nicht unter “Journalismus” zu fallen.
Also, falls sich jemand gefragt haben sollte: “Online-Redakteure und -Redakteurinnen bereiten Texte für Internet- und Online-Dienste auf, erstellen eigene oder redigieren fremde Beiträge, beispielsweise bei Nachrichtendiensten. Sie spüren neue Themen auf, produzieren eigenständige, online-gerechte Inhalte, binden diese in den Online-Auftritt ein und wirken bei der Seitengestaltung mit.” Aber das alles zu kommentieren, würde diesen Gastblog-Beitrag endgültig sprengen.
Domenika Ahlrichs
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »

Am 27. Mai 2009 um 08:32 Uhr
Die Pressefreiheit ist im Internet nicht nur durch die Vorratsdatenspeicherung gefährdet. Ihr übriges tun die Aufweichung des Datenschutzes oder die merkwürdige Gesetzgebungsversuche bei der Eindämmung von Kinderpornographie. Nur das die Auswirkungen solcher Entscheidungen für die Pressefreiheit oft gar nicht bewusst ist, weil technisch kompliziert.
Am 27. Mai 2009 um 11:56 Uhr
Ja, Peter, absolut. Dazu haben wir heute auch unsere Blogblick-Kolumne geschrieben: http://www.netzeitung.de/internet/blogblick/1367159.html
Am 2. Juni 2011 um 22:05 Uhr
Nicht die “Aufweichung” des Datenschutzes unterhöhlt die Pressefreiheit, sondern das Konzept “Datenschutz” (sowie die artverwandte Idee “Urheberrecht”)! Tagtäglich werden unter diesen Deckmäntelchen ganz legal Informationen unzugänglich bzw. selektiv zugänglich gemacht, somit das Weltwissen und der durchschnittliche Informationsstatus jedes Menschen künstlich niedrig gehalten. Die (ebenfalls unbestritten stattfindende) Zensur alles nicht “politisch Korrekten” (d.h. gemäßigt linken und massenkompatiblen) wirkt dagegen geradezu harmlos.
Weg mit dem Patentrecht und dem Urheberrecht, das ist die Königsweg ur Freiheit!