19.5.2009

GASTBLOG: Äpfel und Birnen?

Den ansonsten sehr geschätzten Kollegen der “Süddeutschen Zeitung” sind in den vergangenen Wochen ein paar Missgeschicke passiert. Das heißt, eigentlich waren es keine Missgeschicke, wenn man den Begriff “Missgeschick” so definieren würde, dass einfach mal etwas schiefgegangen ist. Stattdessen waren die Geschichten in der SZ – man muss das leider so sagen – das Ergebnis ziemlich unsorgfältiger Recherche.

Mal wurde ein Blogger mit seinen 10 Thesen, warum Blogs in Deutschland angeblich nicht funktionieren, ziemlich fehlerhaft eingeführt, ein anderes Mal ein vermeintlicher Skandal beim “Spiegel” aufgedeckt, dann wiederum eine zumindest sehr zweifelhafte Geschichte über den “Nordkurier” veröffentlicht. Und das alles in der rekordverdächtigen Zeit von gerade mal zwei Wochen.

Man muss ja deswegen nicht gleich den Zeigefinger erheben und den Untergang des konventionellen Journalismus beklagen (oder gar den der SZ), aber bemerkenswert ist das schon. Wenn man sich vorstellt, was wohl passieren würde, wenn – beispielsweise – ein großes Online-Nachrichtenportal oder aber (noch schlimmer!) ein bekanntes deutsches Blog innerhalb von zwei Wochen drei einigermaßen eklatante Fehler machen würde – man kann sich ausmalen, dass es mindestens eine Resolution des Journalistenverbandes gäbe und die ersten Panels zum Thema “Neue Medien machen den Journalismus kaputt” nicht lange auf sich warten lassen würden. Vermutlich liegt man also nicht sehr weit daneben, wenn man feststellt, dass alte und neue Medien mit sehr unterschiedlichen Maßstäben gemessen werden und ein Fehler noch lange nicht das gleiche wie ein Fehler ist.

Umgekehrt ist es ja so: Man muss nur ein paar wohlfeile Meinungen über die inhaltlichen Qualitäten von neuen Medien absondern und kann sich dann ziemlich schnell des zustimmenden Applauses zumindest aus den alten Medien sicher sein. Sprach-Feldwebel Wolf Schneider beispielsweise sprach unlängst in einem Interview mit meedia.de davon, dass im Netz und in Blogs ja “unendlich viel Schwachsinn” geschrieben werde. Derselbe Schneider räumte im gleichen Gespräch ein, von Computern und dem ganzen Kram nicht sehr viel zu verstehen und sich die Inhalte, die er benötige, von seiner Frau auf den Schirm zaubern zu lassen. Man wüsste also schon mal sehr gerne, wie viele Blogs er denn so liest, der Herr Schneider, um zu diesem sicher wohlausgewogenen Urteil zu kommen. Und zu befürchten steht auch, dass Schneider mit diesem Vorgehen keineswegs alleine steht. Es ist mir jedenfalls mehr als einmal passiert, dass jemand fürchterlich über neue Medien und Blogs herzog – und bei der Nachfrage, was und wen genau er denn meine mit seiner Kritik eher ausweichend antwortete.

Hans Werner Kilz wiederum, Chefredakteur eben dieser “Süddeutschen Zeitung”, die ihren Großkritiker Winkler schreiben ließ, man bekomme im Spiegel-Shop rechtsextreme Literatur, hat eine interessante Theorie entwickelt, warum es Zeitungen inzwischen nicht mehr uneingeschränkt gut geht: “Die Werbung treibende Wirtschaft investiert ihr Geld nicht in Zeitungen, nur weil die den Auftrag zu demokratischer Kontrolle noch ernst nehmen. Das ist ihnen wurscht”, schreibt Kilz ausgerechnet in jener monothematischen Ausgabe des SZ-Magazins, das mit dem bloggenden Journalisten ein wenig eigenwillig umgegangen ist.

Diese Rückgänge, so Kilz weiter, verzeichneten die Zeitungen “seit es das private Fernsehen und auch das Internet gibt.” Soll also in der Konsequenz heißen, dass Internet den Auftrag zur demokratischen Kontrolle nicht ernst nimmt oder, noch besser, nie besessen hat? Soll heißen, dass Zeitungen demokratisch legitimiert sind, Internet hingegen nicht? Ein merkwürdiges Verständnis von der künftigen Rollenverteilung von Medien, noch dazu eines, das aktuell von der Entwicklung in den USA ad absurdum geführt wird. Sind der “Christian Science Monitor”, der “Tucson Citizen” oder die “Ann Arbor News” plötzlich weniger ernst zu nehmen oder von geringerer Legitimation, nur weil sie statt auf Papier künftig auf einem Bildschirm publizieren? Wäre demnach dann auch die “Blechtrommel” ein schlechteres Buch, wenn man es statt auf Papier auf einem Kindle lesen würde?

Und schließlich noch ein letzter Punkt: Wer seine Online-Publikationen (und Redaktionen) erheblich vernachlässigt, wie es immer noch viele machen – darf der sich dann wundern, dass es mit der Qualität über kurz oder lang ein Problem gibt? Das Problem also sind doch viel eher diejenigen, die ihre Redaktionen nicht ordentlich ausstatten. Der Kanal, auf dem publiziert wird, spielt letztendlich keine Rolle.

Irgendwo (ich weiß leider beim besten Willen nicht mehr wo…) habe ich in den letzten Tagen die Bemerkung gelesen, es gäbe in Deutschland bestenfalls 500 interessante Blogger. Das sollte nicht als Kompliment gemeint sein, trotzdem fand ich das schon spannend: Man gesteht einem Medium zu, dass es 500 interessante und weitgehend neue, unverbrauchte Leute hervorgebracht hat – und empfindet das als “wenig”? Ich überlege mir gerade, ob ich 500 interessante Zeitschriften in Deutschland kenne, oder 500 interessante TV-Sendungen oder 500 interessante Leitartikler (Ich glaube aber: eher nein).

Schluss jetzt deswegen also mit den Gespensterdebatten über “Qualitätsprobleme in den neuen Medien”. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Sogar im Netz.

Christian Jakubetz

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “GASTBLOG: Äpfel und Birnen?”

  1. AM

    In Ihrem Fall trifft es die SZ, es hätte auch jede andere etablierte Redaktion sein können, denselben Habitus atmen zum Beispiel auch die bräsigen Politmagazine der Öffentlich-Rechtlichen. Um trotzdem kurz bei der SZ zu bleiben: Beleg ist auch der Beitrag von Kurt Kister im SZ-Magazin: Ein – Kister-typisch – großartiger Text, eine pointierte Bestandsaufnahme zum deutschen Journalismus.

    Doch dann grätscht der alte Fußballfan im letzten Absatz völlig unnötig in der eigenen Hälfte der beargwöhnten jungen Brut in den Lauf: “Weder das Finden noch das Erklären von Dingen ist die Sache der berühmten 2.0-Bürgerjournalisten.” Warum dieser Pomp an Abwehr? Und warum diese Axiomitis? Wo bleibt da das Florett der Streiflichter?

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