Award der Woche für “Speak Schneider!”
Diese Nachricht rauschte sogar als Eilmeldung, Priorität 4, durch die Agenturen: “Der Journalist und Sprachkritiker Wolf Schneider geht unter die Blogger. Heute startet der 83-Jährige seine Video-Kolumne ‘Speak Schneider!’“, vermeldete ddp. Wie bitte? Schneider, der Print-Journalist schlechthin, der schon Generationen von Journalistenschülern eine bessere Schreibe eingebläut hat, geht crossmediale Wege?

Sensation! Kein Wunder, dass auch WELT KOMPAKT dem neuesten Coup des ehemaligen WELT-Chefredakteurs einen Einspalter widmete.
Jeden ersten Montag im Monat meldet sich der Stillehrer also zu “Themen der deutschen Sprache” zu Wort – allerdings eben nicht wie gewohnt in gedruckter Form, sondern audiovisuell auf der Internetseite des Blattes. Dabei kritisiert Schneider aktuellen Missbrauch, plaudert aber auch über Sprachkuriositäten. Neu daran ist für ihn die Verbreitungsform: “Ich hatte mit der Bloggerei bis jetzt nichts zu tun, aber ich bin nicht böse, dass ich jetzt auch in diesem Medium vertreten bin”, sagt er. “Es ist eine Erweiterung meiner Möglichkeiten.”
Der Einfall, seine Stillehre jetzt auch online zu publizieren, stammt allerdings nicht von ihm:
“Vier ehemalige Schüler der Henri-Nannen-Schule, an der ich unterrichte, hatten den Eindruck, dass ich etwas zu sagen hätte und haben das alles eingefädelt – auch das Wo und Wie”, erklärt der Schulgründer und lacht. “Ich habe nichts getan, außer in die Kamera zu sprechen.”
Der Teaser zur ersten Episode “In Teufelins Küche” verspricht dafür Großes: Vom monatlichen “Schneider-Tag” und “Sprachpapst” ist da die Rede. Der Videobeitrag selbst ist dagegen knackig kurz gehalten: Gerade mal 1:04 Minuten, von denen allein 16 Sekunden nur für Vor- und Abspann draufgehen – unterlegt mit dramatischen Streicherklängen.
In seinem Beitrag widmet sich Schneider dem sprachlichen Feminismus und seinen Auswüchsen. Das ist pointiert und unterhaltsam, lässt den Zuschauer aber etwas ratlos zurück – denn die im Teaser gestellte Frage “Wie muss man schreiben, um gelesen zu werden?” beantwortet der Videokolumnist – zumindest in dieser Ausgabe – nicht.
Auch Schneider ist damit “nicht zufrieden”, wie er einräumt. Grund: “Der Beitrag war drei Minuten lang und ist ohne mein Zutun auf eine Minute gekürzt worden. Da gab es offenbar irgendwelche technischen Fehler bei der Kameraführung”, sagt der Journalist. “Mir ist aber versichert worden, dass die drei nächsten schon aufgezeichneten Beiträge von je drei Minuten nicht gekürzt werden.”
Obwohl Wolf Schneiders Blog-Debut also nicht ganz reibungslos verlief: Den Award der Woche verdient sein Videoblog dennoch. Weil sich der überzeugte Print-Journalist, ganz wie die WELT KOMPAKT titelte, in einer neuen Spielart versucht: Dem Online-Journalismus – obwohl der derzeit noch längst nicht die Beachtung findet, die ihm zusteht. So gesehen, ist “Speak Schneider!” also hoffentlich ein Anstoß für den Rest der Branche – auf dass noch mehr Kollegen seinem Beispiel folgen und künftig ähnlich entspannt und offen mit crossmedialem Journalismus umgehen, wie Wolf Schneider es tut:
“Ein Medium, mit dem ich bisher noch nichts zu tun hatte, gibt mir die Chance, junge Leute zu erreichen – das ist einfach gut.”
Céline Lauer
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 3 Kommentare »


Am 19. Mai 2009 um 16:42 Uhr
Da sieht man mal, dass Crossmedia vor keiner Altersgrenze halt macht. Und so mancher Kollege könnte sich an Herrn Schneider ein Beispiel nehmen. Zum Beispiel Herr Stolte (74), ehemaliger ZDF-Intendant, der sich vor kurzem in unserem Studium Generale als Internet-Verächter geoutet hat…
Das Alter kann keine Ausrede sein!
Am 23. Mai 2009 um 00:57 Uhr
Mir fällt dazu ein Zitat von Hellmuth Karasek ein, ebenfalls aus dem Studium Generale:
“Das SPIEGEL-Internet kann ich mittlerweile schon ganz gut alleine anschalten.”
Am 23. Mai 2009 um 01:01 Uhr
@Céline: Priorität 4 als Eilmeldung?