Das Grundgesetz unter der Fußmatte
Der Museumsverein des Deutschen Historischen Museums lud zu einer Premiere: Erstmals fanden im Zeugshaus in Berlin die “Schlüterhofgespräche zu Themen der Zeit” statt. Das Podium war prominent besetzt, mit dem Alt-Bundespräsidenten Roman Herzog und Professor Richard Schröder, dem Philosophen und evangelischen Theologen. Professor Michael Stürmer, Historiker und Chef-Korrespondent der WELT moderierte den Abend.

Auf Vermittlung von Professor Dieter Stolte, dem langjährigen Intendanten des ZDF und Vorsitzenden des Museumsvereins (vergangene Woche übrigens auch zum Studium generale an der Akademie), konnte Team 5 am Schlüterhofgespräch teilnehmen.
“Geschichte hat Konjunktur”, stand auf der Einladung. Das scheint im Jahr, in dem sich zahlreiche Gedenktage jähren, vor allem der Berliner Mauerfall zum 20. Mal und die Gründung der Bundesrepublik zum 60. Mal, besonders zuzutreffen. Auf der Karte ist das Jahr 2009 Schlusspunkt einer Zahlenkette: 1849 – 1919 – 1949 – 1989 – 2009. Die Jahreszahlen markieren die Einführung der Paulskirchen-Verfassung, der Weimarer Verfassung, des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland und der DDR-Verfassung, sowie deren Änderung in Folge des Mauerfalls.
“Doch sind das Binde-, Gedanken,- oder Trennstriche?”, fragte Michael Stürmer zu Beginn des Gesprächs über das Thema “Verfassung und Verfassungswirklichkeit in Deutschland”. Damit brachte Stürmer bereits in seiner ersten Frage zum Ausdruck, dass es an diesem Abend nicht nur schwierig werden würde, die verschiedenen Verfassungsentwürfe chronologisch abzuhandeln, sondern auch die Entwicklungen, die dazwischen liegen. Und so wandelte sich die Debatte zu einer Zeitreise im europäischen Kontext und angereichert mit persönlichen Anekdoten.

Prof. Michael Stürmer: Binde-, Gedanken,- oder Trennstriche?
Die zwei Gäste auf dem Podium waren sich mit dem Moderator darin einig, dass das Grundgesetz der Bundesrepublik gut gedient habe. Aber ob es auch den Ostdeutschen diente? Richard Schröder entgegnet schlicht: “Hatte in der DDR jemand die Möglichkeit, das zu lesen?” Er erzählt, wie er sich sein erstes Grundgesetz von einem Freund in die DDR schmuggeln ließ. Es lag auf dem Weg über die Grenze unter der Fußmatte eines VW Käfers, bevor Schröder es in Händen hielt. “Juristen in der DDR hätten sich damals nicht mit Verfassungsfragen beschäftigt”, erklärt der ehemalige SPD-Fraktionsvorsitzende der Volkskammer. “Die damit verbundene Praxis jedoch war für Ostdeutschland von hoher Eindringlichkeit”, sagt Schröder. “Und trotzdem hatten wir nicht die Vorstellung, dass wir nun eine Verfassung kreieren müssen, die die veralteten Werte des Grundgesetzes überbietet”, so Schröder auf die Frage, was die DDR in ihrer Verfassung anders machen wollte.
Roman Herzog betonte die christlichen Aspekte, die sich in der Verfassung wiederfinden, wie die Würde des Menschen: “Ursprünglich liegt dem Artikel 1 des Grundgesetzes ein christlicher Begriff zugrunde.” Dort sind auch die unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechte als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft festgeschrieben. Für Herzog ist in diesem ersten Artikel der Kernpunkt des europäischen Denkens verankert. Mehrmals sprach er sich an diesem Abend für ein starkes Europa aus. “Ein bürokratisches Europa ist jedoch ein schwaches Europa”, argumentierte der Alt-Bundespräsident und brachte den Vergleich mit Geschwüren: “Wenn man sie aufsticht, sind sie nicht mehr so schlimm.” Europa müsse sich wieder politisch freischwimmen können.
In einem starken Europa mit einer starken Verbindung seiner Mitglieder stelle sich auch immer die Frage: “Was müssen wir uns erhalten? Unsere eigenen Persönlichkeitsrechte, Freiheit, Gedankenfreiheit, Redefreiheit”, sagt Herzog. All dies gelte es im Entwicklungsprozess zu bewahren. Richard Schröder betonte, wie wichtig es sei, sich auch so etwas wie „Heimatgefühl“ zu erhalten. Sprache, Kultur, gemeinsame Überlieferungen würden uns beispielsweise in Deutschland stärker verbinden. Gleichzeitig seien sie auch wichtige Elemente für den Zusammenhalt in Europa. Und so lautete seine Resümee des Abends: “Das europäische Dach wächst langsam, aber es wird nicht dazu führen, dass die Zimmerdecken eingerissen werden müssen.”
Sophia Seiderer
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung | Keine Kommentare »
