28.4.2009

GASTBLOG: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus

Warum sind redaktionelle Inhalte im Netz meistens kostenlos? Wieso wirft Online-Werbung nur lausige Pennys ab? Wie lässt sich trotzdem mit Journalismus im Internet Geld verdienen? Die Diskussion um ein tragfähiges Online-Geschäftsmodell dominiert in diesen Tagen die Debatte um die Zukunft unserer Branche.

Ein Überblick über kluge Beiträge, die sich mit Geschäftsmodellen für digitalen Journalismus beschäftigen.

Geschäftsmodelle im Internet
Wie lassen sich Geschäftsmodelle im Internet kategorisieren? Was ist das Besondere an digitalen Geschäftsmodellen? Und: Was ist überhaupt ein Geschäftsmodell? Tipps für die Grundlagenlektüre:

- Wissenschaftlicher (aber auch für Nicht-Ökonomen sehr verständlicher) Aufsatz von Donna L. Hoffmann und Thomas P. Novak (2003): A Conceptual Framework for Considering Web-Based Business Models and Potential Revenue Streams. [pdf-Download]

- Tabellarischer Überblick über Online-Geschäftsmodelle auf Longtail.com: Terrific survey of free business online models (mit kurzen definitorischen Erläuterungen: Business Models on the Web).

- Umair Haque: The New Economics of Media [Präsentation]

- Jeff Jarvis: What would Google do? [Präsentation]

- Uneingeschränkt empfehlenswert ist Paul Bradshaws Blog Onlinejournalism.com. Dies gilt auch für seine Präsentation New Media Business Models for Journalism sowie für sein Blog-Posting Making Money from Journalism. New Media Business Models.

- Werbung, Staatsbeihilfen, private Stiftungen, Bezahl-Abos: Wolfgang Michal diskutiert auf carta.info sieben unterschiedliche Geschäftsmodelle: Ein Geschäftsmodell ist kein Dogma. Plädoyer für eine offene Debatte über den Netzjournalismus.

Paid Content
Walter Isaacson hat den Verlagen im Februar 2009 im Time Magazine geraten, sich einem Erlösmodells zu widmen, das schon zur Jahrtausendwende nicht funktioniert hat: Bezahlinhalte. In seinem Essay How to Save Your Newspaper fordert Isaacson. “I love journalism. I think it is valuable and should be valued by its consumers.” Aus diesem Grund will Isaacson die Konsumenten über Micropayment-Systeme an der Finanzierung der Inhalte beteiligen. Er träumt von einem iTunes für Online-News!

Paid Content vs. Gratisinhalte: Diese Diskussion ist ein Dauerbrenner im Internet – besonders in Krisenzeiten. 2003, als die Werberlöse ebenfalls im Keller dümpelten, habe ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit monatelang mit Paid Content beschäftigt.

Seitdem glaube ich zu verstehen: Es ist nicht die Kostenlos-Mentalität kulturferner Online-Nerds, die Paid Content (von wenigen Ausnahmen abgesehen) sinnlos macht. Es sind ganz banal die ökonomischen Produkteigenschaften digitaler Informationsgüter, die online mit Grenzkosten von null vervielfältigt und vertrieben werden können. Das ist schlecht für uns Journalisten, aber that’s the internet, baby!

- Bereits im Jahr 2002 hat Vin Crosbie erläutert, warum Bezahlinhalte kein gutes Geschäftsmodell für Online-Journalismus sind: Information wants to be free.

- Blog-Posting des großen Medienökonoms Robert G. Picard (2009): Why we won’t pay for News.

- Warum speziell Micropayment-Systeme nicht funktionieren, erklärt Clay Shirky:
Fame vs. Fortune: Micropayments and Free Content.

- Martin Weigert erläutert, warum kostenpflichtige Dienste im mobilen Internet ein größeres Potential haben könnten: Wie mobile Applikationen die Internetwirtschaft verändern können.

- Das Internet ist eine große Kopiermaschine. Also müssen Journalisten Dinge verkaufen, die nicht kopiert werden können – empfiehlt Kevin Kelly in seinem tollen Essay Better than free.

- Sind Freemium-Modelle eine Alternative? Ökonomen bezeichnen Freemium-Modelle auch als Versioning: Dabei ist das Basisangebots eines Produkts oder eines Services kostenlos verfügbar, Zusatzfunktionen sind dagegen kostenpflichtig (Beispiele: Xing, Skype, flickr). Chris Anderson, der Autor des Buchs “The Long Tail”, setzt sich mit Freemium-Strategien auseinander und erläutert, was Journalismus und Rasierklingen gemein haben: Free! Why $0,00 is the Future of Business. Vom selben Autor: The four Kinds of Free.

- Ein weiterer Ansatz sind Donation-Modelle, bei denen sich die Nutzer freiwillig an der Finanzierung beteiligen. Siehe dazu Paul Bradshaws Posting Kitemarks to save news industry?

Werbung
Wenn die Nutzer nicht bereit sind, für den Konsum von Inhalten zu bezahlen, sollte die Finanzierung über Werbung erfolgen. In der Praxis haben wir dagegen längst kapiert, dass Superbanner und Skybanner sehr wenige Klicks und noch weniger Cash produzieren, was Hubert Burda bei den DLD zum Twitter-Zitat 2009 verhalf: “You get lousy pennies on the web.”

- Eric Clemons erläutert auf Techcrunch die Tücken von Online-Werbung: Why Advertsing is failing on the Internet.

- Auf Mondaynote.com formuliert Frédéric Filloux ganz unverblümt: “Sorry to be blunt, but Internet advertising sucks.” Er fordert: Advertising – real Change must happen.

- Anschauliches Beispiel von Scott Karp auf Publishing2.com, das demonstriert, warum die Marktkräfte insbesondere den Wert von Agenturjournalismus unter Druck setzen: The Declining Value of Redundant News Content on the Web.

- Auf Medienmärkten Geld zu verdienen, heißt gestern wie heute, Reichweiten zu monetarisieren. Daran wird sich auch morgen nichts ändern – glaubt Kevin Kelly und formuliert die These Where Attentions flows, money follows.

- In den klassischen Medien geht es darum, Flächen zu verkaufen. Im Internet aber ist das Inventar an vermarktbarer Fläche unendlich groß – dementsprechend klein ist der Preis, der für diese Flächen verlangt werden kann. Scott Karp empfiehlt deswegen: Online Publishers need to Stop Selling Space.

Wie geht’s weiter?
Videos, und Audio-Galerien RSS und offene API, mobile Dienste und Echtzeit-Journalismus, Multimedia-Newsdesk und Online-First: Viele Medienhäuser haben ihre Inhalte und Produktionsprozesse in den vergangenen Monaten radikal modernisiert (oder zumindest begriffen, dass sie dies tun sollten). Online-Journalismus wird endlich dem Medium Internet gerecht. Online-Journalismus wird endlich richtig interaktiv, multimedial und datenbankgetrieben.

Doch das reicht nicht aus. Mit der gleichen Radikalität muss es für unsere Branche nun darum gehen, nach dem Produkt auch das Geschäftsmodell zu modernisieren. Wir brauchen die Lust am Experiment und die Einsicht, dass wir sehr oft scheitern werden, bis wir die richtige Konfiguration gefunden haben. Jammern hilft nicht, denn “the market and the internet don’t care if you make money”. Oder noch pointierter formuliert: “In case some of the mainstream media haven’t got this yet – the web doesn’t owe you a living.”

Ich persönlich bin trotzdem zuversichtlich! Niemand dachte, dass Search ein lukratives Geschäftsmodell im Internet sein kann, bis Google AdWords erfand. Deshalb glaube ich an Qualitätsjournalismus im Internet jenseits der Paid-Content-Paywall. Ich glaube an Qualitäts-Journalismus jenseits nutzloser Superbanner. Ich glaube an Qualitätsjournalismus jenseits staatlicher Beihilfen und GEZ-Journalismus.

Es wird auch im Internet einen Markt geben für Qualitätsjournalismus, der echten Nutzen stiftet. Oder mit Steve Yelvingtons Worten: “At the end of the day, it comes down to a simple question: Are your content and services relevant to consumers in your market?”

Markus Hofmann

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Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 15 Kommentare »

15 Kommentare zu “GASTBLOG: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus”

  1. bernd s.

    Well done, Markus! Und dann noch so ein flammendes Plädoyer für Qualitätsjournalismus!

    Beeindruckte Grüße
    se

  2. links for 2009-04-28 - Claudia Sommer Me, myself and I - » Blog Archiv

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalismus (tags: newspapers publishing onlinejournalismus paidcontent advertising) [...]

  3. Mutige neue Welt | digitalpublic.de

    [...] Geld verdienen kann bzw. wie Online Geschäftsmodelle funktionieren können, gibt es hier beim jepblog. [...]

  4. Linktipps zum Wochenstart (8) « Medial & Digital

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalismus [...]

  5. Medienlinks zum Wochenstart: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus — CARTA

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalismus [...]

  6. Fragen zur Medienzukunft: Fienes Future Lab wirft mir ein Stöckchen zu « Medial & Digital

    [...] einige gute Geschäftsmodelle herauskristallisieren werden. Auch hierzu ein Lektüre-Tipp als Link: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus. Das ist auch der Topp-Tipp in meinen heutigen Medienlinks zum [...]

  7. 5 Fragen zur Medienzukunft: Fienes Future Lab wirft mir ein Stöckchen zu « Medial & Digital

    [...] einige gute Geschäftsmodelle herauskristallisieren werden. Auch hierzu ein Lektüre-Tipp als Link: Geschäftsmodelle für Online-Journalismus. Das ist auch der Topp-Tipp in meinen heutigen Medienlinks zum [...]

  8. Tobias

    Vielen Dank für die wertvolle Liste. Gibt es noch ein paar deutsche Quellen, die empfehlenswert sind?

    Grüße Tobias

  9. Sebastian

    Ebenfalls vielen Dank für diese interessante Zusammenstellung – das Thema Onlinejournalismus wird uns immer stärker beschäftigen.
    Meines Erachtens nach ist der Zug aber schon abgefahren – im Internet hat sich eine große Kostenfreiheits-Mentalität breitgemacht. Wenn einzelne Publisher auf Werbung oder Paid-Content umstellen, wird der Nutzer einfach auf die nächstbeste Alternative umschwenken. Wer bei GoogleNews nach Themen sucht, wird von dem Überangebot an News- und Magazinseiten ja förmlich erschlagen. Meistens ähneln sich die allermeisten Artikel auch noch, weil Pressemitteilungen und dpa-Meldungen lediglich umformuliert werden… Und eigenhändige Qualitätsreportagen wie bei SPON finanzieren sich nur durch die Print-Rücklage.

    Selbst wenn Inhalte wie bei iTunes zentralisiert und übersichtlich angeboten werden würden, würde kaum ein Nutzer Geld dafür bezahlen – und wenn, dann nur sehr geringe Beträge, die durch PayPal-Gebühren gleich wieder aufgefressen werden.
    Dass einzelne kostenpflichtige Vertiebe wie der AppStore gut laufen (1 Milliarde Downloads…), liegt einfach an der Einzigartigkeit derselben – es gibt für iPhone-Nutzer keine Alternativmöglichkeiten. Bei Nachrichtenseiten sehr wohl – das Kernproblem basiert auf der trivialen ökonomischen Grundlage: Je größer die Konkurrenz, desto schneller dreht sich die Preisspirale nach unten.
    Zudem wird in Zeiten der schnellen “Micro-Kommunikation” via twitter, icq, facebook& Konsorten kaum noch Wert auf komplexe Artikel gelegt, sei es nun im Print- oder Onlinebereich. Das kann ich persönlich ziemlich eindeutig in meinem Jahrgang/meiner Generation feststellen.

    Daher kann ich die Zuversicht gegen Ende des Blogeintrags nicht ganz nachvollziehen – für Experimente und neue Vertriebwege bin ich zwar auch offen, aber konkrete Möglichkeiten entschließen sich sowohl Hofmanns als auch meiner Phantasie…
    Just my two cents ;) – ich habe mich ja längst nicht so tiefgehend mit der Thematik beschäftigt wie der Autor hier. Alles rein-subjektive Wahrnehmungen!

  10. Geschäftsmodelle für Online-Journalismus « BAYARTZ-Blog

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalismus Zu den Kommentaren Warum sind redaktionelle Inhalte im Netz meistens kostenlos? Wieso wirft Online-Werbung nur lausige Pennys ab? Wie lässt sich trotzdem mit Journalismus im Internet Geld verdienen? Die Diskussion um ein tragfähiges Online-Geschäftsmodell dominiert in diesen Tagen die Debatte um die Zukunft unserer Branche. Eine Zusammenstellung von Marcus Hofmann. [...]

  11. LeserEins » Blog Archive » Das Ende der analogen Zeitungen

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalismus untersucht Markus Hofmann verschiedene Möglichkeiten, mit Qualitätsjournalismus im Internet Geld [...]

  12. Medial Digital – Medien, digitale Medien, Medienwandel, Journalismus, Internet, soziales Internet, Social Web, Web 2.0» Blogs Internetnutzung Journalismus Zeitungszukunft » 5 Fragen zur Medienzukunft: Fienes Future Lab wirft mir ein St

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  13. Zum Nachlesen: Die ganze Krise der Medien | Trendpiraten Blog

    [...] Geschäftsmodelle für Online-Journalisten [...]

  14. Thorstena » Blockademeister Burda und Online-Geschäftsmodelle

    [...] die Konzentration auf das Wesentliche: auf die Modelle, die funktionieren. (Siehe etwa diese Zusammenfassung von Geschäftsmodellen für Online-Journalismus.) David Schlesinger, Editor-in-Chief von Reuters [...]

  15. Medien: Das Web frisst Zeit und Raum | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0

    [...] Wer seine Plattensammmlung damals sukzessive in eine CD-Sammlung verwandelte, hatte es einfach beim Umzug. Keine elend schweren Kartons mehr. Keine besonderen Regalkonstruktionen, die das enorme Gewicht der Musiksammlung überhaupt aufnehmen konnten. Wer heutzutage seine CD-Sammlung auf eine externe Terabytefestplatte bannt (nimm zur Sicherheit lieber zwei!), der gewinnt Raum. Man hat mehr Platz. Man sieht endlich wieder die Wand im Wohnzimmer. Und wenn dann noch die Bücher verschwinden, können die Umzugsunternehmen gleich mit einem Bulli anreisen… Wer weiß, eines Tages gibt es auch digitale Möbel. Und man kann sie bei jedem Umzug einfach verlustfrei zippen und in eine Tüte stecken. Die digitale Revolution findet nicht bei den Redaktionen statt sondern im Wohnzimmer und im Handy der Leute. Warum gibt es die Zeitung noch nicht als tägliches “Hörbuch” fürs Handy, wo ich mir jederzeit im Stau oder im Zug alles vorlesen lassen kann und per Sprachsteuerung durch die Rubriken navigiere? Wie dumm muss man eigentlich sein, um nicht zu verstehen, dass man das meiste Geld mit Bequemlichkeit verdient. Nicht wenige Menschen kaufen ein MacBook wegen der schönen Präsentationen mit Keynote, die aussehen, als hätte die extra eine Werbeagentur gemacht. Und man kann Manager aus jedem Level damit blenden. Wenn ich etwas bequem, einfach und wirklich schön mache, kann ich damit Unsummen verdienen. Allerdings müsste man das hohe Ross verlassen und mit dem Zepter der Aufklärung in das Museum für prähistorische Medienwissenschaften einreiten. Wer den Menschen mehr freien Raum im Wohnzimmer, unter dem Arm, in der Handtasche und in der Aktentasche schenkt, der gewinnt den Kunden. Komplexitätsreduktion besteht nicht darin, einfach die Welt der vielfältigen logischen Zusammenhänge auf einzelne formallogische Axiome zu beschneiden. Das ist das Geschäft der Dummheit, die nicht mit polylogischen Verhältnissen umzugehen gelernt hat und einfach das Altbekannte herbeisehnt. Es geht darum, einfach mehrere Ebenen zu erfassen, ihre Relationen zueinander möglichst umfangreich zu verstehen und dann erst zu priorisieren, was optimiert und angepasst werden soll und wie. Im cluetrain manifesto wurde vor 11 Jahren beschrieben, wie der Markt heute funktioniert. Einige Anbieter haben die Dekade genutzt und ihre Hausaufgaben gemacht. Andere werden einfach langsam dahinsiechen. Dass sie das unter großem Wehklagen tun, ist ihre Sache. Der Alte Preuße würde sagen: Sterbe wie ein Mann! Ach ja, eine sehr gut Zusammenstellung, wie man mit Online-Formaten Geld verdienen kann bzw. wie Online Geschäftsmodelle funktionieren können, gibt es hier beim jepblog. [...]