Diepgens Visionen – oder doch nicht?
Eberhard Diepgen nimmt auf dem breiten, elfenbeinfarbenen Ledersessel Platz, schlägt die Beine übereinander und rückt seine Krawatte zurecht. Leuchtend orange ist sie und mag auf den ersten Blick nicht so recht zum staatstragenden Image des Eberhard Diepgen passen. Insgesamt 16 Jahre ist der CDU-Politiker der Regierende Bürgermeister von Berlin gewesen, von 1984 bis 1989 und dann noch mal 1991 bis 2001. Kein anderer war länger als er in diesem Amt.

Eberhard Diepgen im Roten Salon der Akademie
Da sitzt er also, angetreten zum Studium Generale bei Team 5 und soll etwas sagen über die Visionen, die er für Berlin hat. Mit seinen Erfahrungen ist er dafür durchaus der richtige Mann.
Nein, sagt der 67-Jährige, eigentlich wolle er nicht so gern über Visionen reden. Diese seien schließlich, und da zitiert er Helmut Schmidt, eher ein Fall für die Medizin. Der Altkanzler hatte nämlich einmal gesagt: “Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen.” Das sieht Diepgen ganz ähnlich. Deshalb geht es nicht um Visionen, sondern um “Perspektiven und Entwicklungschancen.” Das klingt bodenständiger. Mehr wie Diepgen.
Was folgt, ist ein Polit-Potpourri aus Verkehr, Kultur, Bildung, Integration, Fiskus – zu alldem hat Diepgen etwas zu sagen. Wortreich, pragmatisch, durchdacht. Was wird aus der Infrastruktur? Diepgen lehnt sich zurück, sein Blick wandert zur Zimmerdecke. Es werde ein “modernes Leitsystem im Bereich des Individual- und Wirtschaftsverkehrs” geben. Kultur? “Berlin ist es schon immer gut gelungen, die Hochkultur mit dezentraler Kultur zu verbinden.” Zuwanderungspolitik? “Berlin wird ein Modell werden für sachgemäße Integration.” Es ist nicht zu überhören: Diepgen kennt sich aus und ist ein alter Hase in seinem Beruf. Er ist Politiker durch und durch – und so redet er auch.
Team 5 ist nach dem Besuch von Silvana Koch-Mehrin eigentlich vorgewarnt: Politikerdeutsch und Journalistendeutsch vertragen sich nicht. Klingt zwar alles ganz gut, aber wie soll das gehen? Wo soll gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise das Geld herkommen? Durch eine Politik, die der jungen Generation gerecht wird, sagt Diepgen. Durch gezielte Wirtschaftspolitik, die die Entwicklung neuer Unternehmen fördert. Außerdem habe die Sparpolitik von Berlins Noch-Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) die Infrastruktur der Stadt vernachlässigt. Das müsse unter dem Gesichtspunkt einer Gesamtpolitik korrigiert werden. Als Diepgen seinen Vortrag mit den Worten “Berlin hat große Chancen” endet, bleiben staunende Münder und noch mehr Fragen offen.
Diepgens Optimismus beeindruckt uns. Trotzdem dringen wir nicht so richtig durch zu ihm. Dass er für sein Berlin nur das Beste will, haben wir verstanden. Nur das Wie ist vielen nicht klar geworden. Nach Diepgens Besuch lässt sich eines mit Sicherheit sagen: Er hat Team 5 polarisiert. Die einen hätten sich statt Optimismus lieber Realismus gewünscht. Und konkrete Aussagen dazu, wie man Diepgens Vorstellungen auch wirklich in die Tat umsetzen kann. Die anderen haben seine Erfahrung und sein Mut zum Optimismus beeindruckt. Es ist eine erfrischend andere Sichtweise, dass Berlin nicht immer nur “arm, aber sexy”, sondern auch eine Metropole mit viel Potenzial für die Zukunft sein kann.
Nina Paulsen
Autor: student Kategorie: A bis Z, Gäste der Akademie | 4 Kommentare »

Am 8. April 2009 um 21:51 Uhr
@ Nina: dein Text ist weitaus pragmatischer und durchdachter als die Phrasen, die Diepgen – zumindest für meinen Teil des polarisierten Teams – von sich gegeben hat
Am 8. April 2009 um 22:29 Uhr
Diepgen als Politiker einen Vorwurf dafür zu machen, dass er mit großspurigen Phrasen um sich wirft, ist so, als ob man einem Journalisten vorwirft, harte Fragen zu stellen. Wenn man nicht unter die Oberfläche dringt, ist das frustrierend, aber die Verantwortung liegt bei einem selbst. Dann kann man nur an seiner Technik feilen. Ich fand’s übrigens nicht annähernd so schlimm wie das S.G. mit Koch-Mehrin.
Am 9. April 2009 um 11:20 Uhr
@ Johannes: Den journalistisch-kritischen Blick hast du ja schon gut drauf, wie man sieht.
Am Ende des Gesprächs hatten wir Diepgen ja schon fast aus seinen Worthülsen gelockt. Ich finde, wenn unsere Gäste anfangen, zu gestikulieren und auf dem Sessel rumzurutschen, haben wir journalistisch gute Arbeit geleistet. Denn so was sagt mehr als Worte…wenn in solchen Situationen zukünftig noch die entschiedenden Fragen kommen, ist das journalistisch sehr gute Arbeit. Das schaffen wir bei den nächsten Studien Generale, bin ich mir sicher!;-)
Schöne Ostern!
Am 10. April 2009 um 18:09 Uhr
Das Foto hier spricht eine deutliche Sprache: Herr Diepgen beschwört seine Vision, Herr Wiedemann ist skeptisch, …
Ich hatte den Eindruck, dass Diepgen sich ehrlich bemüht hat. Klar, “Berliner Visionen” war vielleicht nicht sein Wunsch-Thema, aber das hatten schließlich wir selbst vorgegeben.
Und klar, er hat nicht jede Frage präzise beantwortet. Aber er ist ja nun auch seit Jahren aus der Tagespolitik raus. Da sollte man sich nicht der Illusion hingeben, der Mann könne innovative Konzepte aus dem Ärmel schütteln. Er ist doch jetzt nur noch Feierabend-Talkgast.
Mir hat das Studium Generale mit Eberhard Diepgen aber echt Spaß gemacht. Und selbst wenn’s den einen oder anderen nicht interessiert hat – als Team hatten wir uns da sicherlich nichts vorzuwerfen. Alle drängenden Fragen wurden gestellt.
Bedenken hatte ich eher nach dem Termin mit Bischof Mixa. Da kam’s mir nämlich so vor, als sei das halbe Team mit Vorurteilen belastet zur Tür herein gekommen.