27.3.2009

Award für Schupelius 2.0

Der Mann hat das Zeug zum Kult! Er changiert zwischen Orient und Okzident im Journalismus: hier die bewährte Tugend, dort die moderne Präsentation, hier die Lesernähe, dort die Selbstdarstellung im Netz. Er spricht die early adopters an, die sein Video auf dem Handy sehen, und den Laubenpieper-Berlinern aus der Seele, deren Lust am Meckern und kleinkarrierte Metropolenrenitenz er zelebriert: Gunnar Schupelius.

Sein VideoBlog in der B.Z. hat den Award der Woche verdient.

In der Print-Ausgabe der B.Z. macht er seinem Ärger schon länger Luft. Online gibt es den O-Ton zum Text. Vom Autor selbst gesprochen. Das provoziert Häme von der Parodie bis zur Logorrhoe: Jochen Reinecke ereiferte sich in der ZEIT,  youTube kultiviert “Being Gunnar Schupelius”, auf Gunniwatch wird die tumb persönliche Ebene bedient, die Kaffeeweiber begleiten ihn zu Fuß durchs Internet, wordpress clustert Blogs über ihn und Niggemeier erklärt, was man davon halten soll. Mein Gott, muss der Mann wichtig sein!

Viel Feind, viel Ehr. Aber dafür gibt’s den Award nicht, sondern dafür, dass der Blog zur Vorlesung taugt.

Schupelius war Redakteur bei Zeitung und Zeitschrift, bei Hörfunk und TV. Er ist die Inkarnation von Medienkonvergenz schlechthin, passt das gesprochene Wort an, rezitiert nicht blind die eigenen Zeilen. Man hört den Radio-Profi. Er schielt dabei sicher nach dem Beifall der Kollegen, fokussiert aber die Genugtuung seiner Kunden: “Jawoll, jenau so isset!”, trifft den Topos und rührt an Gefühle.

Preiswürdig aber ist seine Annäherung an eine Spezies, die rar geworden ist im Medien-Habitat aus Habitus und Quote: des Flaneurs, jenes umherstreifenden Reporters, der im Spaziergang die Themen von der Straße sammelt und die Sprache des Boulevards versteht. Modern übersetzt heißt das: Gemeinschaft stiften mit journalistischen Inhalten. Diese Kunst ist noch meist auf ein räsonierendes Feuilleton reduziert, aber gute Ansätze sind ja da. Auch andernorts. Hauke Brost in der Hamburg-Ausgabe der BILD, oder – auf seine Weise – Stuckrad-Barre in der B.Z., um nur zwei Beispiele zu nennen

Schade nur, dass die Schupelius-Videos bislang nicht sehr viel mehr bieten als die orale Interpretation des schriftlichen Ergusses. Schupelius sollte den Mut zur webification finden, die Online-Edition zum Mehrwert sui generis entwickeln. Er hat das Zeug dazu und mit der neuen Online-B.Z. die ideale Plattform.

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Autor: rporsch Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »

4 Kommentare zu “Award für Schupelius 2.0”

  1. Thomas Mrazek

    Statt solcher selbstreferenzieller – sorry, aber so empfinde ich es – Lobhudeleien würde ich mir auf diesem Blog auch mal Diskussionen über medienethische Themen, wie etwa die Beschaffung von Bildmaterial aus dem Internet wünschen. Der Panorama-Beitrag von gestern (“Raubzug im Internet – wie Medien Privatfotos stehlen”) bietet dafür hervorragendes Material (freilich war dieser Beitrag etwas einseitig, was aber an der Grundfrage nichts ändert). Ich denke, dass so eine offen geführte Diskussion auch für die Schülerinnen und Schüler und nicht nur für Fachkollegen interessant wäre.

  2. jep

    Hallo Thomas Mrazek!

    Nö, selbstreferentiell ist das nicht. Finde ich jedenfalls. Wir sind die Akademie, nicht die „B.Z.“. Außerdem ist der wöchentliche Award nur ein kleiner Teil des Blogs, in dem es allein in den vergangenen zehn Tagen mehrfach um „medienethische Themen“ ging, zum Beispiel hier und hier und hier und in den Monaten und Jahren davor ja auch ungezählte Male.

    Aber ich lade Sie gern ein, zum oben angesprochenen Thema als Gastblogger einen Beitrag bei uns zu veröffentlichen. Urheberschutz im Internet – ein Riesenthema. Haben Sie Lust?

    Ich wundere mich oft, mich welcher Selbstverständlichkeit sich auch Journalisten hemmungslos fremden Materials bedienen – und damit letztlich an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.

  3. tazmanischer teufel

    @jep “Ich wundere mich oft, mich welcher Selbstverständlichkeit sich auch Journalisten hemmungslos fremden Materials bedienen – und damit letztlich an dem Ast sägen, auf dem sie sitzen.”

    Da frage ich mich allerdings, weshalb sie sich nur wundern und nicht entsprechendes Unverständnis in ihren Teams zu thematisieren scheinen. Kaum ein Video-Podcast ihrer Schüler, in dem nicht rechtebehaftetes Bild- und Tonmaterial verwendet wird.

    Da sie ihren Schülern bestimmt auch Urheberrechts-Seminare angedeihen lassen, wundert mich solch ein unverhohlenes Verhalten schon sehr.

    Einige Beispiele:
    http://www.youtube.com/watch?v=i_LtdFndHFI
    http://www.youtube.com/watch?v=0I8a-UYIVaY
    http://www.youtube.com/watch?v=0isHyNItzSA

  4. Klaus

    Schupelius als preisträchtiger Journalist? Welche Kriterien sind da angelegt? Ein Mensch, der sich moralinsauer über die lächerlichsten Dinge ergießt? Der planmäßig Falschdarstellungen verbreitet? (Bei Springer wahrscheinlich eine tatsächlich auszeichnungsfähige Fähigkeit) Der den Spießer so dumpf verhetzt, dass es eigentlich selbst der BZ-Unterschicht auffallen müsste? Der die Stadt durch sein miefiges Westberlinertum noch immer spaltet? Dessen Kompetenz in neuen Medien eher bescheiden ist? (s. Verhalten bei twitter beim Auftauchen einer ersten Parodie) Wie tief kann man denn bei euch noch sinken?