3.3.2009

GASTBLOG: Borderline und andere Grenzüberschreitungen

Letztens waren ein paar südamerikanische Jung-Journalisten zu Besuch in meiner Redaktion und wollten vor allem viel über die Unterschiede zwischen Online- und Printjournalismus hören. “Kommt durch den Zeitdruck der Fakten-Check zu kurz” war eine der (zugegebenermaßen nicht sehr überraschenden) drängenden Fragen. Da ich Englisch mit der Gruppe sprach, fiel es mir nicht schwer, ganz lässig den Standardsatz aus meiner eigenen Journalistenschulzeit zu zitieren: “Be first – but first be right”, das gelte für jeden Journalisten dieser Welt, egal bei welchem Medium.

Die Journalisten aus Südamerika notierten ihn verzückt. Und ich kam mir irgendwie komisch vor, denn diese Grundanforderung an journalistisches Handeln schien ihnen wirklich so noch nicht untergekommen zu sein. Oder sie hatten ihn zumindest noch nie auch mit Onlinejournalismus in Verbindung gebracht.

Man muss aber gar nicht bis ganz nach Südamerika gehen, um dieses Phänomen zu erleben. Als es kürzlich einem Witzbold gelang, Journalisten landauf landab zu foppen und ihnen via Wikipedia ein “Wilhelm” als einen der Vornamen des neuen Wirtschaftsministers Guttenberg unterzujubeln, sah Meedia.de die Stunde der Umfrage an Web-Chefredakteure gekommen: “Ist in der Webmedien-Realität Geschwindigkeit wichtiger als Faktentreue?”, wollten die Kollegen wissen. Und auch: “Sind die Web-Journalisten oftmals zu ungenau?” Ich nahm nicht an der Umfrage teil, sondern bot Meedia.de an, die Antworten aller mitmachenden Web-Chefredakteure vorherzusagen. Meedia.de ging nicht darauf ein. Und es kam wie erwartet.

Gerade wer im Internet veröffentlicht, muss besonders sorgsam sein. Denn dort ist alles nur einen Klick entfernt: Artikel der Konkurrenz zum selben Thema, Originalquellen, Analysen, Hintergrundstücke, Blogs oder Foren. So banal, so potenziell entlarvend – so wirkungsvoll. Natürlich ist es im Alltag dennoch ein Problem, immer alles gleichzeitig hinzubekommen: Schnell zu sein, gründlich zu sein, unterhaltsam und informativ. Aber das ist kein Problem von Online-Journalisten allein. Sie kriegen es nur heftiger zu spüren, wenn sie Fehler machen, denn, wie gesagt: Ein Klick reicht meistens aus. Und im Gegensatz zu Print, Radio und Fernsehen ist unmittelbares, oft öffentliches Feedback Teil des Systems.

Lustig war im Zusammenhang mit der “Wilhelm”-Geschichte noch eines: Da zeigten sich anschließend doch tatsächlich Journalisten fast persönlich enttäuscht davon, dass Wikipedia sich als sehr unsichere Art des Fakten-Checks erwiesen habe. Bei der “taz” klang das dann so: “In Zukunft werden wir misstrauischer sein, aber solche Täuschungsversuche dürfen nicht zur Regel werden. Dann nämlich ist auf Wikipedia gar kein Verlass mehr. Wär’ schade drum.”

Ein bisschen schlucken musste ich da schon. Zwar kenne auch ich die Untersuchungen, die Wikipedia eine erstaunliche Faktentreue bescheinigen, aber als Journalist darf man sich doch nicht allein darauf verlassen. Hier möchte ich Hans-Jürgen Jakobs, Chefredakteur von Sueddeutsche.de, zitieren, der so brav wie korrekt auf die entsprechende Wikipedia-Verlässlichkeits-Frage von Meedia.de antwortete: “Man braucht zwei Quellen. Und man braucht den direkten Kontakt mit Betroffenen. Dieses Verfahren ist als Recherche bekannt. Es ist der Grundfehler, Copy-&-Paste-Artikel auf Wikipedia-Grundlage mit Journalismus zu verwechseln. Das ist das neue Borderline-Problem der Branche.” (Link ist derselbe)

Apropos Borderline-Problem der Branche: Die Überschreitung einer ganz eigenen Art von Grenzlinie peilt die ARD mit Harald Schmidt an, wenn sie seine Sendung künftig mit der “Daily Show” von Jon Stewart in einem Atemzug genannt hören möchte.

Ja haben denn die ARD-Oberen mal hingeschaut, wie hoch sie da die Messlatte legen und mit welchem Energiebündel es da Herr Gelangweilt-und-deshalb-zynisch wird aufnehmen müssen? Das Schöne: Auch Stewart ist nur einen Klick entfernt. Jeder möge sich bitte selbst einmal ein Bild machen. Für Einsteiger und zum “Gastblog” passend sei hier die Episode angepriesen, in der Stewart Huffington-Post-Gründerin Arianna Huffington interviewt.

Und da die ARD zwar Schmidt (& Pocher) nicht ganz ins Netz stellt, immerhin aber ein “Best-of”-Exzerpt, gelingt zum Abschluss dieses Gastblogbeitrags die thematische Klammer: Ich ende mit einem Verweis auf die Sendung, in der es um Wirtschaftsminister zu Guttenberg geht.

Domenika Ahlrichs

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »

4 Kommentare zu “GASTBLOG: Borderline und andere Grenzüberschreitungen”

  1. mb

    Bitte checkt das “Chek” im zweiten Satz: “Kommt durch den Zeitdruck der Fakten-Chek zu kurz.”

  2. jep

    @mb

    Danke!

  3. maTze

    Was schön wäre: wenn man hier ein paar einführende Sätze darüber hätte, wer eigentlich gerade den Gastblog schreibt. Frau Ahlrichs in Ehren, aber ihr Name ist sicherlich nicht allen Blog-Lesern sofort geläufig. Mir zum Beispiel hat sich ehrlich gesagt auch erst durch eine Google-Recherche erschlossen, warum hier das Logo der Netzeitung steht…

  4. AM

    @ maTze

    Ja, nachvollziehbar. Aber über unsere Tagcloud oder das Suchfenster wären Sie auch schnell fündig geworden: http://www.axel-springer-akademie.de/blog/2008/12/23/zwei-neue-im-gastblog/

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