Walter Pincus an der Akademie
“Zeitungssterben? Ja. Und? Es sind die schlechten Zeitungen, die sterben. Der Autoindustrie geht es auch schlecht und Firmen müssen schließen. Aber glauben Sie, deshalb werden keine Autos mehr gebaut?” Starke Worte eines großen Journalisten: Walter Pincus (76). Er hat 1977 die Neutronen-Bombe platzen lassen, ist Pulitzerpreisträger, Reporter der Washington Post und in den USA so etwas wie ein “nationaler Schatz”.

(Foto: Riza Avsar)
So jedenfalls würdigte sein früherer Chefredakteur Ben Bradlee die Meriten des journalistischen Urgesteins, das sich als Spezialist für national security einen Namen gemacht hat.
In Cordhose, beigem Pulli, mit ausgebeulten Sackotaschen und asics-Laufschuhen als David Rubinstein Distinguished Visitor über die American Academy zu Besuch an der Axel Springer Akademie entspricht der Weißhaarige mit der Goldrandbrille dem überkommenen Klischee des Journalisten. Er spricht leise und konzentriert, versteht zu fesseln. Wenn er von Instrumentalisierung, von Akten und Enthüllung erzählt, glaubt man sich spätestens nach fünf Minuten leibhaftig in einem Grisham-Thriller.
“Wirklich Angst”, sagt er, “hatte ich während der US-Geiselnahme in Teheran in der Carter-Ära”. Mit 10.000 Dollar Bargeld reiste er damals via Paris nach Teheran, um die vom Zahlungsfluss abgeschnittenen Korrespondenten der Post im Iran mit liquidien Mitteln zu versorgen.

(Foto: Riza Avsar)
Die Medienkrise heute versetze ihn dagegen nicht in Schrecken. Okay, okay, Umsatz und Gewinn der Post sind eingebrochen, Tendenz nach unten schon im achten Quartal in Folge. “Es ist eben ein schrumpfender Markt. Aber wir machen doch immer noch Gewinn!” Und Pincus weiß auch, woran es liegt: 19 Pulitzerpreise habe die Post in den vergangenen Dekaden gewonnen und zugleich 120 bis 160.000 Käufer verloren. “Weil die Journalisten sich mehr um Politik gekümmert haben, weil sie Preise gewinnen wollten, statt sich um das zu kümmern, was die Menschen wirklich interessiert, was sie in ihrem täglichen Leben betrifft.” Ernährung etwa, oder Sport, Gesellschaft, Unterhaltung.
“Wir haben heute in den Staaten keinen einzigen Journalisten, der Fachmann für Erziehungsfragen ist”, kritisiert Pincus und beschwört die jungen Aspiranten bei Axel Springer, sich in Fachgebiete einzuarbeiten, Spezialisten zu werden. Denn überleben werden die Zeitungen, die mit Qualität darüber berichten, was die Menschen interessiert. Internet, so sein Credo, könne das nicht leisten. Das Netz sei ein headline-service, mehr nicht. Acht bis zehn Minuten täglich lese der Durchschnitt in den USA news im Netz. Zeitungen brächten es auf 25 Minuten am Tag. Internet, das sei doch “narrow casting”.
Und Huffington? Da sei eine Gruppe von frustrierten Leuten, die für minimales Geld für ein minimales Publikum schrieben. Internet sei eben ein phantastisches tool für Recherchen und akademische Forschung. Aber doch kein Massenmedium! Vier, fünf sites nutze er ja selbst täglich.
Talking Points Memo zum Beispiel. Das betreibe ein Bekannter von ihm, ein guter Journalist. Aber das sei auch kein Massenmedium, sagt er nahezu emotionslos. Es klingt nicht nach Altersstarrsinn oder Bilderstürmerei wider den Fortschritt, nein, es klingt abgeklärt. Pincus ist ein kluger Mann, das steht außer Zweifel. Und wach. 2001 hat er an der Georgetown Law school ein Jurastudium abgeschlossen. Mit 68! Da winkt man nicht einfach ab, wenn so ein Mann fragt: “Wo steht geschrieben, dass es immer nur aufwärts geht?” Okay, ein paar Zeitungen mögen sterben. Aber davon geht doch die Welt nicht unter.
Vielleicht ist es ja auch eine Generationenfrage. Als die digital natives geboren wurden, glaubte man noch gern, auf jedes Problem eine Antwort finden zu können. Die Zeit um Pincus’ Geburt gilt dagegen als die große Depression. Wer so anfängt, muss ja Optimist werden. Oder sind das eher Romantiker?
Autor: rporsch Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 10 Kommentare »

Am 2. März 2009 um 17:13 Uhr
Ein kluger Mann, ja. Beeindruckend ob seiner Erfahrung und Leistungen. Schade deshalb, dass so manche seiner Antworten nur ein – zum Teil ausweichender – Vortrag aus seinem Essay “Power of the Pen” war. (http://www.frankmagazine.org/pincus.asp)
Am 3. März 2009 um 08:08 Uhr
“The people who made horse carriages were not the ones who started car companies”, sagte Netscape-Gründer Marc Andreessen mal. Generationenfrage trifft es also gut.
Am 3. März 2009 um 21:58 Uhr
@SoVu: So ausweichend fand ich seine Antworten ehrlich gesagt gar nicht. Und dass er aus “Power of Pen” zitiert, ist doch völlig legitim. Er hat den Essay schließlich selbst geschrieben…
Mich hat beeindruckt, dass das Internet für Pincus ein Metzgerladen ist und die Tageszeitung ein Supermarkt. Erst dachte ich, er habe sich versprochen oder ich mich verhört, und umgekehrt werde ein Schuh draus. Aber er hat’s ja wirklich so gemeint. Das Internet, eine Metzgerei.
Am 3. März 2009 um 23:09 Uhr
Für meinen Großvater ist das Internet sowas wie eine Südseeinsel – er kennt sie nicht, wird nie hinkommen und will es auch gar nicht.
Am 3. März 2009 um 23:20 Uhr
@maTze: Nichts ist so alt, wie die Zeitung von gestern – ein Essay von 2006 erst recht. Das Internet ist für Pincus eine Metzgerei und die “Huffington Post” ein “Haufen frustrierter Journalisten”. Die Zahlen und Auszeichnungen sagen anderes…
Am 4. März 2009 um 06:45 Uhr
@ Finger
Das kann sich ändern. Meine Mutter (70) hat voriges Weihnachten ein MacBook geschenkt bekommen, surft jetzt fröhlich im Internet und steigert bei Ebay mit.
Am 4. März 2009 um 06:48 Uhr
@ SoVu
Zumindest in einem Punkt täuscht sich Pincus: Ob frustriert oder nicht, bei der “HuffPo” arbeitet kein “Haufen Journalisten”. Da sitzen vor allem sehr junge Leute ohne journalistische Ausbildung und verlinken vor sich hin.
Am 4. März 2009 um 10:51 Uhr
@ jep:
…und bekommen den oscar der netzwelt, den webby award, als bester polit-blog. und zählen monatlich fast 4 Millionen klicks…
Am 4. März 2009 um 11:42 Uhr
@ SoVu
Schon klar, ich wollte nur sagen: Es handelt sich nicht um gut ausgebildete Journalisten, die nach journalistischen Maßstäben arbeiten. Was die Sache ja dramatischer macht. Um sich einen Ruf als modernes Qualitätsmedium zu erarbeiten, reichen offenbar zwei Dutzend junge Leute, die geschickt verlinken.
Zu den “Zahlen und Auszeichnungen” gehört allerdings auch folgende Wahrheit: Die “HuffPo” verdient trotz des großen Erfolgs bei den Nutzern und der minimalen personellen Ausstattung kein Geld und lebt nach wie vor von Investoren, die immer neue Millionen nachschießen.
P.S. Achtung, Verwechslungsgefahr: Die “HuffPo” hat an die vier Millionen Besucher (unique visitors) im Monat – und rund 60 Millionen Klicks (page impressions). Zum Vergleich: Bild.de hat bei den Klicks gerade die Milliardengrenze überschritten.
Am 4. März 2009 um 12:10 Uhr
@ jep:
ja, natürlich – mein Fehler. Klar ist die “HuffPo” mit ihren Page Impressions überhaupt kein Vergleich zu Bild.de. Aber es ist ja eben nur ein Mitbewerber. Nur ein Beispiel dafür, dass auch nicht ausgebildete Journalisten User und Auszeichnungen und aufgrund dessen auch Werbekunden gewinnen können, welche den Zeitungen schmerzhaft verloren gehen.
An der Akademie ist das bekannt, ich weiß!!! Mit meinen Aussagen bezog ich mich ja auf Pincus. Seine These, dass die aktuelle Medienkrise ein “natürlicher Säuberungsprozess” ist, aus dem die Stärksten geradezu problemlos hervorgehen, und das Internet nur ein “Headline-Service”, der der Printpresse ebenso wenig kann, wie die Erfindung des Radios, halte ich für ein wenig obsolet.
Dagegen sprechen selbst die Zahlen der “Washington Post”, für die Pincus seit 42 Jahren arbeitet – bereits im achten (!) Quartal.