Team 1 in New York (VII): Bei den Recherche-Profis von Pro Publica
Jeden Morgen, wenn Dick Tofel sein Büro betritt, fällt sein Blick auf eine Wunde. Ground Zero ist für den General Manager der Recherche-Agentur Pro Publica aber nicht nur ein Ort nationaler Trauer. Tofel trauert um ein ganzes Jahr seines Lebens, von dem dort, 23 Stockwerke unter ihm, doch nichts zu sehen ist. “Ich wollte mit anderen das Freedom Center aufbauen“, sagt er. „Leider ist aus der Idee nichts geworden.“
Nach 16 Jahren beim Wall Street Journal widmete sich Tofel dem Projekt Freedom Center. Das Zentrum ist einer von vielen geplatzten Träumen hier in Downtown Manhattan. “Dass sieben Jahre nach diesem schrecklichen Tag noch immer kein Turm, noch nicht einmal irgendwas dieses Loch füllt, hat mit politischer Inkompetenz zu tun, aber diese bekannte und allzu offensichtliche Geschichte sollen andere erzählen“, meint Tofel.
Für Tofel und seine 27 Kollegen haben die verdeckten, die verschleierten und vertuschten Geschichten Vorrang. Ihre Agentur Pro Publica ist ein einmaliges Projekt. Hervorgegangen aus einer Idee zweier betagter Milliardäre. Herbert Sandler und seine Frau Marion verdienten mit Immobilien ein Vermögen. “Sie taten gut daran, alles vor zwei Jahren zu verkaufen“, sagt Tofel ohne jeden Anflug von Zynismus – die Finanzkrise ist ein zweiter Ground Zero. Mit dem Stiftungsvermögen wollten die Sandlers investigativen Journalismus unterstützen und fanden in Paul E. Steiger, dem Chefredakteur des Wall Street Journal, einen, der diesen Anspruch verwirklichen konnte. So sichteten Steiger und seine Leute zu Beginn dieses Jahres einige tausend Bewerbungen und stellten ein Team zusammen, das Hoffnungsträger ebenso bereichern wie Pulitzer-Preisträger. 10 Millionen Dollar stehen im Jahr zu Verfügung. “Damit wollen wir Dinge aufdecken, die Wirkung haben, besser eine Geschichte auf Seite eins als zehn auf Seite zehn“, so Tofel. Zehn Geschichten, das sei aufs Jahr gerechnet genug. Ihre Recherchen geben die Reporter an Medien, die für die jeweilige Geschichte am besten geeignet sind. Einer der Scoops von Pro Publica handelte von Krankenschwestern in Kalifornien, von denen viele eine kriminelle Vergangenheit hatten – natürlich stand die Geschichte in einem kalifornischen Medium. Die Milliardenverschwendung von Steuergeldern für den zweifelhaften US-Sender zur demokratischen Erbauung der Bevölkerung im Nahen Osten Al-Hurra prangerten die Autoren in der Fernsehsendung 60 Minutes auf CBS an.
Sich Tofel als den strengen Reporter vorzustellen, für den der Betrug des Bürgers ein Skandal ist, macht keine Mühe. Eigentlich fehlt ihm nur noch der Bleistift hinter den Ohren, um ihn in seinem blauen Hemd, der Krawatte und der wärmenden Fleece-Jacke ganz journalistisch aussehen zu lassen. Seine Kollegen im kargen, beigen 70er Großraum vermeiden wie ihr Chef jeden lauten Ton. Seltsam, Pro Publica im Großraum vorzufinden, werden doch dort Gespräche geführt, die lange für niemanden bestimmt sind. “Die Kollegen nehmen sich keine Geschichten weg, jeder will und soll der beste sein, doch einen Wettbewerb gibt es nicht“, ist Tofel überzeugt. Der General Manager macht nicht viele Worte, nicht über sich selbst und erst recht nicht über die, die für sich selbst sprechen könnten. Fragen beantwortet er nüchtern, ohne ausschweifend zu werden. Nur am Ende des Gesprächs, über das die Dämmerung an Ground Zero gekommen ist, klingt aus seiner Stimme ein Hauch von Pathos. Drei Tage habe es in der amerikanischen Geschichte des neuen Jahrhunderts gegeben, über die noch in hundert Jahren geschrieben werde: den 11. September, Hurrikan Katrina und die Wahl Obamas zum Präsidenten. In Obamas und der Vergangenheit seines Vize Joe Biden hat Pro Publica sich schon umgesehen. Misstrauisch zu sein, ist Verpflichtung. Doch: “Wir haben nichts Bedenkliches gefunden“, sagt Tofel – beinahe hätte er ein einziges Mal zu einem Lächeln angesetzt.
Thomas Vitzthum
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »

