Team 1 in New York (IV): Ein Tag beim Wall Street Journal
Die fahle Novembersonne scheint ungehindert in die Redaktion des Wall Street Journal. Früher, bis zu dem Tag, den Vizepräsident Jim Pensiero mit seinem trockenen Humor “a litte incident“ nennt, nahmen zwei hohe Bürotürme nebenan den Redakteuren das Licht. Bis am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Center krachten und auch das Verlagsgebäude des Wall Street Journal stark beschädigten. “Von unseren Schreibtischen aus konnten wir beobachten, wie Leute sich aus den Fenstern stürzten“, erinnert sich Pensiero. “So etwas Grauenhaftes hatte ich noch nie gesehen – Menschen, die Selbstmord begingen, um nicht am lebendigen Leib zu verbrennen.“
Der Konferenzraum, in den der Vizepräsident uns führt, bietet einen friedlicheren Ausblick als auf die immer noch aufgewühlte Baustelle von Ground Zero: Hohe Bürogebäude aus Backstein, dahinter der Hafen, noch weiter hinten am Horizont, nur als Silhouette erkennbar, reckt die Freiheitsstatue unermüdlich ihre Fackel in die Höhe. Das Wall Street Journal empfängt uns königlich mit Obst, Gebäck und Sandwiches; sehen lassen können sich auch unsere Gesprächspartner: Chefredakteur Robert Thomson, Vizepräsident Jim Pensiero, Inlandschef Matt Murray, Auslandschef Nikhil Deogun sowie der stellvertretende Chef der Online-Redaktion, Darren McDermott, nehmen sich nacheinander Zeit für uns. An einem Tag, an dem keiner von ihnen auch nur fünf Minuten übrig hat, weil die Redaktion vor Spannung brummt. Es ist der vierte November, der Tag, an dem die Welt auf den ersten schwarzen US-Präsidenten wartet.
“Ihr Verlag muss Sie sehr schätzen, dass Sie in so einer historischen Woche nach New York geschickt werden“, schmeichelt uns Chefredakteur Robert Thomson, der das Wall Street Journal seit der Übernahme durch Medientycoon Rupert Murdoch vor einem knappen Jahr leitet. Thomson ist ein unscheinbarer Typ, freundlich, mit leicht gebeugter Haltung, kurzem Haar, Brille, keine Krawatte. Die Springersche Devise “Online First“ unterstützt er nur bedingt. “Wenn wir breaking news, eine wirklich brandheiße Geschichte haben, dann kommt sie natürlich sofort auf die Website“, erklärt er. Features oder Analysen könnten hingegen erst am nächsten Tag ins Webportal wsj.com wandern. Ein Portal, das Medienleute in aller Welt erstaunt, weil es die Nutzer abkassiert. Mit Erfolg. “Allgemein zugängliche Geschichten kosten nichts“, sagt Thomson, “aber für Exklusives müssen unsere Online-Abonnenten zahlen.“ 1,25 Millionen gibt es davon mittlerweile, 25 Millionen Nutzer insgesamt im Monat. Dabei ist die Seite erst vor einigen Wochen relaunched worden, mehr Grafiken, Fotos, knalligere Überschriften, mehr Service und interaktive Elemente. „Wir sind immer noch dabei, die Technik auf den Stand von europäischen Nachrichtenseiten zu bringen“, gibt der stellvertretende Online-Chef Darren McDermott zu.
Ebenso ehrlich redet auch Inlandschef Matt Murray mit uns, ein schwarzhaariger, kräftiger Mann, dem alle Außenbüros in den USA unterstehen. Auf die Frage, ob seine Zeitung früher vor der Finanzkrise hätte warnen müssen, sagt er: “Wir haben zwar ein paar Geschichten dazu gemacht, aber vermutlich hätten wir mehr tun müssen. Aber Sie wissen ja, wie das ist: Schlechte Nachrichten fallen in guten Zeiten auf taube Ohren.“ Für das Wall Street Journal ist die Krise – im Gegensatz zu den meisten anderen Verlagen in der Welt – bislang von Vorteil. 20 Prozent mehr Zeitungen wurden seit September verkauft. “Analysten gehen davon aus, dass die Märkte positiv auf einen demokratischen Präsidenten reagieren würden“, verrät uns Murray.
Alles steht heute im Zeichen der Wahl, natürlich auch die Online-Redaktion. Julie, eine rundliche Blondine mit kompetenter Ausstrahlung, ist verantwortlich für die Videobeiträge aus der Wahlnacht. Obwohl die Vorbereitungen auf Hochtouren laufen, zeigt sie uns ihr kleines Filmstudio. 15 Quadratmeter, knallgrüne Wände, auf einem Tisch stapeln sich Bürsten, Puder, leere Kaffeebecher. Kabel hängen unter der Decke, schlängeln sich über den Boden, verbinden den Schnittplatz mit Kamera und Bildschirmen. “Heute Nacht werden wir etwa 40 bis 50 Videoclips online stellen“, sagt Julie und rückt das Kamerastativ zurecht. Ebenso emsig rotieren die Redakteure der verschiedenen News Desks an ihren Schreibtischen. Grund für die Hektik ist nicht nur die Wahl – “alle sind heute gestresst, weil die Kinder irgendwo betreut werden müssen“, verrät ein Online-Redakteur. “Die Schulen sind nämlich geschlossen, weil dort gewählt wird.“
Den Flur hinunter, an Großraumbüros mit Computern, Büchern und Druckern vorbei, alles in Brauntönen gehalten, verliert unsere zackige Führung plötzlich an Tempo. Von einem Foto auf einer Staffelei lächelt uns ein bekanntes Gesicht entgegen: Daniel Pearl, investigativer Reporter des Wall Street Journal, entführt und umgebracht im Jahr 2002. “His spirit inspires journalists everywhere to shine the light of truth and understanding into all corners of the world“, verkündet eine silberne Gedenktafel unter seinem Foto. Daneben, am Empfang, liegt ein Zettelstapel mit Fluchtplänen aus dem Redaktionsgebäude. Das Wall Street Journal ist auf alles vorbereitet. Auf Anschläge, Wahlen und Journalistenschüler.
Kathrin Fichtel
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | Keine Kommentare »
