…Vater sein dagegen sehr
Sind Väter die besseren Mütter? Diese und andere Fragen beantwortete Familienforscher Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis, als er uns zum Studium generale in der Axel Springer Akademie besuchte.

Foto: Anastasia Iksanov
Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein, Väter sind nicht die besseren Mütter, die schlechteren aber auch nicht. Mann und Frau sind sich eigentlich sehr ähnlich, wenn es zur Kindererziehung kommt. Wassilios Fthenakis sprach mit uns über bahnbrechende Langzeitstudien, die aufzeigen, dass Mütter und Väter in verschiedenen Bereichen für die kindliche Entwicklung wichtig sind. Dabei kommt es nicht auf die mit dem Kind verbrachte Zeit, vielmehr auf die Beziehung an, die ein Elternteil mit dem Kind hat.
Fthenakis erklärte in einem “Vatereinfluss-Modell”, dass es direkte Effekte der Vater-Kind-Beziehung auf die berufliche und schulische Ausbildung des Kindes, den Umgang mit psychischen Belastungen und auf dessen Entwicklung eines gesunden Selbstbewusstseins gibt. Dabei ist es egal, ob der Vater selbst Sohn eines autoritären, jähzornigen Vaters war oder nicht. Männer versuchen dieses eher schlechte Vorbild später den eigenen Kindern gegenüber zu kompensieren und werden entsprechend nett und dialogorientiert, während einfühlsame und dialogbereite Väter dieses Verhaltensmuster direkt weitergeben. Ein Meilenstein in der Forschung, noch vor zwölf Jahren konnte man elterliche Einflüsse auf Kinder gar nicht nachweisen.
Überhaupt ist die Väterforschung eines der Schwerpunktthemen von Wassilios Fthenakis. Der Entwicklungspsychologe erklärte uns anhand eines von ihm entwickelten Modells, dass es heute einen gravierenden Unterschied zwischen dem subjektiven Anspruch gibt, ein moderner, sozial agierender Vater sein zu wollen und der objektiv gelebten Realität. Ganze 67% der Väter bekennen sich vor der Geburt ihres Kindes klar zu fair aufgeteilter Kindererziehung und Haushaltspflicht, aber fast alle sind im Endeffekt nur Brotverdiener und bei den täglichen Pflichten außen vor. “Der Wunsch und die Wirklichkeit der Vaterrolle klaffen weit auseinander”, meint Fthenakis. Dem Vater zweier Söhne ging es ganz genau so.
Schuld an dem Dilemma sind die gesellschaftlichen Umstände, die einer modern gelebten Partnerschaft Knüppel zwischen die Beine wirft. “Das System ist denkbar ungeeignet, die Voraussetzungen für Paare zu schaffen, ihr Leben so zu leben, wie sie wollen.” Mit dem Bild der vier apokalyptischen Reiter verdeutlichte Fthenakis uns die schwierige Situation, in die ein Paar kommt, sobald es ein Kind in die Welt setzt: Seiner Meinung nach bricht als erstes das Berufsleben eines Partners komplett zusammen, meistens das der Frau. Eine ungenügende Anzahl von Betreuungsangeboten zwingt die Frauen geradezu, zuhause zu bleiben. Dementsprechend ändert sich die Einkommenssituation des Paares. An den Platz zweier finanziell gleichberechtigter Partner rücken jetzt ein Brotverdiener und eine Hausfrau ohne eigenes Einkommen, die dann, wie sollte es sonst sein, den kompletten Haushalt und die Kinderbetreuung übernimmt. Das Ende vom Lied? Die Partnerschaft wird schlecht, Liebe und Sex lassen nach, frustrierte Familien und ein sich destabilisierendes System sind die Folge.
Ganz nach seinem Credo “Bildung beginnt mit der Geburt” wies Fthenakis auf ein weiteres Problem hin, was die Gesellschaft den jungen Eltern aufzwingt. Das “Hidden Curriculum”, ein versteckter, gesellschaftlich geformter Lehrplan presst Eltern in ein Korsett, der vorgibt, wie sie einen Jungen oder ein Mädchen erziehen sollten. Diese “soziale Ordnung der Geschlechter” wird von den Eltern übernommen, ohne dass sie es selbst merken. Fthenakis selbst kennt nichts, “was die Kreativität der Menschen so sehr hemmt wie die Konstruktion der beiden Geschlechter”. Darunter leiden besonders die Jungen. Anders als Mädchen, die durch das “Hidden Curriculum” angehalten werden, Einfluss auf andere zu nehmen und ihre Kommunikationsfähigkeit auszubauen, wodurch sie differenzierte Interaktionstechniken entwickeln, bleiben die Jungen auf einem niedrigeren Level, wenn es zu Sprachkompetenz und emotionaler Intelligenz kommt. Da jedoch dies gerade die Ansprüche sind, die die postmoderne Gesellschaft an das Individuum stellt, sind die Männer von morgen das schwache Geschlecht, sie befinden sich auf der Verliererstrasse und werden von den Frauen einfach abgehängt.
Prof. Fthenakis aber gibt die Hoffnung, dass sich etwas ändert, nicht auf. “Forschung dauert lange, aber wenigstens rezipiert die Politik sie jetzt wenigstens.” Es ist eine spannende Zeit, in der wir uns befinden, denn “wir sind mitten in einem spannenden Diskurs, der vieles hinterfragt, was bis jetzt unhinterfragt geblieben ist.”
Kristin Schulze
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie | Keine Kommentare »
