12.2.2008

GASTBLOG: Schluss mit der Werbung!

(Offizielle Vorwarnung: Es folgt ein Beitrag, den man leicht in die Serie “Früher war alles besser” einordnen könnte. Das wäre aber ein Trugschluss. Trotzdem, Sie haben jetzt noch die Gelegenheit, auszusteigen).

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Normalerweise habe ich für Preisverleihungen nichts übrig. Ich schaue mir nicht mal die Oscar-Zeremonie an, schon alleine deswegen nicht, weil ich es wirklich nicht brauche, wenn an einem Abend siebzehn Mal irgendjemand seiner Mutter (ersetze wahlweise: seinem Mann/seinem Manager/seinem Entdecker/seinen Kindern/Tante Anny) dankt.

Dass ich also vergangene Woche an der Verleihung der “Goldenen Kamera” beim Durchzappen hängen geblieben bin, musste demnach einen besonderen Grund haben. In diesem Fall war es ein Zusammenschnitt, vielleicht zwei Minuten lang, mit Highlights aus den diversen Sendungen von Alfred Biolek. Zwei Minuten, trotzdem war mir zweierlei sehr schnell klar. Dass nämlich erstens der Herr Dr. Biolek weitaus mehr war als nur der Urvater der Promi-Fernsehköche. Und dass er, zweitens, Fernsehen machte von einer Art, wie wir es heute kaum mehr sehen. Ohne große Rücksicht auf Einschaltquoten, ohne die Zwänge, die eine restriktive Formatierung eines Programms eben so mit sich bringt. Kurz gesagt, Bio machte öffentlich-rechtliches Fernsehen im fein verstandenen Sinne.

Und als ich gerade so meinen nostalgischen Gedanken nachhing, begann ich mich zu wundern. Darüber, was aus öffentlich-rechtlichem Rundfunk (dazu sollte man getrost auch das Radio zählen) geworden ist. Wenn ich morgens zuhause in Bayern Auto fahre, muss ich oft genug zweimal hinschauen, um überhaupt noch festzustellen, ob da jetzt gerade die private Antenne Bayern oder doch das öffentlich-rechtliche Bayern 3 höre. Die Playlists jedenfalls sind weitgehend identisch, de Marketingaktionen auch und seine Moderatoren holt sich Bayern 3 sehr gerne von der Antenne. Ähnliche Spielchen im TV: RTL sucht den Superstar? Kein Problem, das ZDF hält gerne mit einer Castingshow für Musicalstars dagegen. Im Vorabend laufen Boulevardmagazine bei den Privaten? Stimmt, manchmal sind sie schwer auseinanderzuhalten und da spielt es keine große Rolle mehr, dass auch ARD und ZDF dem Vorabend-Boulevard huldigen.

Samstagsabendshows mit Promitanzwettbewerben? Wem dieses unlängst ausgestrahlte ARD-Format von vornherein bekannt vorkam, wurde spätestens in dem Moment bestätigt, als ebendort auch ein wenig von RTL ausgeliehenes Tanzpersonal über die Mattscheibe rauschte. Und versuchen Sie mal, einen Unterschied auszumachen, ob jetzt ARD und ZDF oder RTL einen Boxkampf inszenieren. Bei beiden ist es ein Event, mit Promiinterviews am Rande und Kabinenkamera. Gut, zugegeben: ARD und ZDF machen es ein bisschen langweiliger.

Nur mal theoretisch nachgedacht: Angenommen, Biolek würde sich für ein Comeback entscheiden, würde er dann überhaupt noch einen Sendeplatz bekommen (außer für eine Kochshow)? Und nochmal nachgedacht: Wer braucht eigentlich ein gebührenfinanziertes Fernsehen, wenn sich die Programme immer ähnlicher werden?

Nein, das ist kein Plädoyer zur Abschaffung der Öffentlich-Rechtlichen. Nur ein Plädoyer, es völlig neu zu positionieren, als Antipode zu den Privaten. Weg mit Werbung, weg mit Quotendruck, stattdessen ein Fernsehen zum Zusehen, eines, das nicht jedem Massengeschmack und jedem neuen Trend folgen muss,

Kurz gesagt: eines, wie es Alfred Biolek schon vor 25 Jahren gemacht hat.

Christian Jakubetz

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 5 Kommentare »

5 Kommentare zu “GASTBLOG: Schluss mit der Werbung!”

  1. AM

    Christian Jakubetz will zurück auf Bios Bahnhof, unglaublich. Geben Sie wenigstens zu, dass das eine doch recht spießige Angelegenheit war, seinerzeit? Btw: Ich fand ja “Dalli, Dalli” immer total klasse. :-)

    Ein werbefreies ZDF wäre eine Lösung, ja. Oder ein nationaler Mantel für die Dritten, die dann nur noch Fenster produzieren müssten.

  2. Christian Jakubetz

    Helen Schneider singt live “Sah ein Knab´ein Röslein stehen” – und das soll spießig sein? Gut, nur wir Älteren kennen noch Helen Schneider und haben “Schneider with The Kick” im Plattenschrank stehe, aber trotzdem: Anarchischer und gewagter als jedes DSDS war es in jedem Fall :-)

  3. AM

    “Wir Älteren”, da zuckt man dann schon zusammen. Aber mal ehrlich: Biolek hatte es geschafft, mit Sammy Davis Jr. einen der Größten überhaupt in seine Show zu kriegen. Der hätte mit seinem Charisma so ungefähr alles weggepustet, was Gottschalk in der Regel auf seiner Couch sitzen hat. Und trotzdem ist Fremdschämen angesagt, wenn man sich heute dessen Auftritt bei Bio ankuckt…

  4. Christian Jakubetz

    Hätte es Bio nicht gegeben, hätte es auch “Schneider with The Kick” nie gegeben. Hätte es Gottschalk nicht gegeben, hätten sich Modern Talking nicht wiedervereinigt.

    Alleine schon deswegen gehören meine Sympathien eher Bio.

    Wir sollten aufhören mit der Debatte. Team 3 geht sonst mit dem Eindruck an den Start, wir seien in etwa so was wie die beiden mosernden Alten in der Muppetshow.

  5. AM

    Das Modern-Talking-Argument war fies! Und es beeindruckt mich, dass Sie vor Team 3 schon Respekt haben, noch ehe sie die Damen und Herren kennengelernt haben. Welcher Ruf eilt denn denen voraus…? ;-) UND: Ein Hoch auf Waldorf und Statler!