6.2.2008

Otto Normal

Staubsauger. Wir brauchen einen Staubsauger. Und hat jemand einen Putzlappen? Nervöse Geschäftigkeit im sechsten Stock. Team 3 nimmt seine Gastgeberpflichten beim Studium generale ernst. Und wenn dieser Gast ehemaliger Bundesinnenminister ist und Otto Schily heißt, dann will dieser Abend minutiös vorbereitet sein. Auch wenn Otto Schily, wie er uns erzählt, ans “Kismet” glaubt – wir möchten heute nichts dem Zufall überlassen. Von der Wahl der Socken über die eigens polierten Gläser für die begleitenden Sicherheitskräfte.

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(Foto: Anastasia Iksanov)

“Sie können ruhig meinen schönen, bürgerlichen Namen verwenden. Ich bin nicht mehr Minister”, wiegelt Schily gleich zu Beginn ab. Ein Elder Statesman zum Anfassen. Schily schüttelt jedem von uns die Hand. Er schaut in die Runde, und sagt, er sei gespannt auf unsere Fragen, denn: “Junge Journalisten sind immer wissbegierig.”

Seine Amtszeit als Innenminister war geprägt von den Anschlägen des 11. September 2001, einem Tag, den er wie so viele von uns noch lebhaft in Erinnerung hat. “Ich war in meiner Privatwohnung und schrieb gerade eine Rede für die Haushaltsdebatte. Da klingelte das Telefon und es hieß: ‘Schalten Sie den Fernseher an.’” Seine daraufhin veröffentlichten Sicherheitspakete, die ihm den Beinamen “Otto der Harte” einbringen, geben den Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden eine Anzahl neuer Befugnisse, die auch in der Koalition nicht immer Fürsprecher fanden. Den Großen Lauschangriff, die Rasterfahndung, die Onlinedurchsuchungen – all diese Themen verteidigt Schily auch an diesem Abend vehement. Immer wieder schlägt er mit den Handflächen auf die Armlehnen, wenn er spricht. Damals war er Kritik ausgesetzt, einen Seitenhieb auf die Medien will er sich deshalb nicht verkneifen: “Ich war ja auch einer dieser ‘Totengräber’ des Rechtsstaats”, sagt er süffisant. “Die Medien zeichnen ein Horrorbild.”

Dennoch betont Schily, dass die Gefahr nicht unterschätzt werden dürfe, seine Stimme wird ernst. Deutschland sei keine Insel der Seeligen, mahnt er. “Auch wir sind im Zielspektrum der Terroristen. Die Bedrohung ist real.” Ob er Angst habe, fragt eine Kollegin. Nicht mal bei seinem Afghanistanbesuch habe er eine schusssichere Weste getragen, gibt der 75-Jährige zurück.

Was ihn nicht loslässt, ist der “Kampf um die Köpfe”. Ob es um den islamistischen Terror oder um Jugendkriminalität geht – Schily wiederholt mehrfach, dass Menschen nicht aufgegeben werden dürften. Der Terrorismus begründe sich nicht in wirtschaftlicher Armut. Dahinter steckten Ideologien, die entlarvt werden müssten. Das ginge nur mit Prävention. Seine Stimme wird ruhiger. Otto der Sanfte? “Fight for the heads and the minds of the people.” Das gelte auch für die Debatte um Jugendkriminalität. Bei Roland Koch winkt er ab: “Der ist nur frech. Das geht nicht auf.”

Dass er “Otto dem Harten” auch als Minister a.D. noch alle Ehre macht, bekommt ein Kollege zum Abschluss dennoch zu spüren. Mit der Frage, warum Herr Schily seine privaten Nebeneinkünfte als Anwalt nicht preisgeben will, beißt er auf Granit. “Soll ich mich strafbar machen und meine Schweigepflicht brechen?” fragt Schily rhetorisch. Dann ist die Fragezeit beendet. Da muss sich auch unser Investigativjournalist geschlagen geben.

Cordula Posdorf /Ayla Kiran

Autor: student Kategorie: A bis Z, Gäste der Akademie | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “Otto Normal”

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