5.2.2008

Tonbänder, Videokassetten, Kartoffeldruck: Crossmedia der ersten Stunde

In Berlin-Dahlem trafen sich ehemalige DDR-Korrepondenten und Oppositionelle, um über die Rolle der Westmedien und ihren Einfluss auf die Revolution 1989 zu sprechen.

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(Quelle: jugendopposition.de)

Es war ein Schock für die Verantwortlichen im Ministerium für Staatssicherheit in der Ostberliner Normannenstrasse: Vom Westteil der Stadt aus ging 1987 der private Radiosender “Radio 100″ auf Sendung. Ein linksalternatives Programm, dass sich zu Beginn die Frequenz mit dem CDU-nahen Sender “Hundert,6″ teilen musste. Kurz vor 19 Uhr spielte “Hundert,6″ die deutsche Nationalhymne, gleich im Anschluss übernahm “Radio 100″ und begann seine Sendezeit mit einer Klospülung. Aber nicht dieses unschöne Geräusch war es, das die Mithörer der Staatssicherheit störte. Ein Dorn im Auge war ihnen besonders die Sendung “Radio Glasnost”, die von Bürgerrechtlern der DDR produziert wurde. Nicht nur Tonbänder, auch Videokasetten oder gedruckte Informationen mussten dafür in den Westen geschmuggelt werden. Die Arbeit der Bürgerrechtler war Crossmedia der ersten Stunde.

Radio aus dem Osten, für den Osten und das auch noch regierungskritisch. Gegen so viel unerlaubte Meinungsäußerung musste man einfach eingreifen, und so versuchte die Stasi “Radio Glasnost” mit Störsendern den Saft abzudrehen. Vergeblich, denn “Radio 100″ verschob einfach mehrfach den Sendeplatz. Ein prominenter Mitwirkender bei “Radio Glasnost”: Siegbert Schefke, heute Redakteur für Tagesschau und Tagesthemen beim Mitteldeutschen Rundfunk in Leipzig. Bei einer Podiumsdiskussion an der Freien Universität Berlin diskutierte er das Thema “Umsturzhelfer Westmedien – welchen Anteil hatten die Medien am Fall der Mauer?”. Mit ihm auf dem Podium saß auch Ulrich Schwarz, ehemaliger DDR-Korrespondent des SPIEGEL. Er schmuggelte damals die Videobilder vom der Monatgsdemonstration am 9. Oktober 1989 in den Westen, die Schefke mit einem Kollegen aufgenommen hatte.

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(Foto: Thomas Hoffmann)

In bewegenden Worten schildern Schefke und Schwarz, wie sie sich wegen der Bilder in Gefahr begaben. Vom Dach einer Kirche aus filmte Schefke die Menschenmassen auf dem Platz vor dem Gewandthaus, im Eingang eines Hotels kam es zur Übergabe der Bänder. Die Bilder, die am nächsten Tag in der Tagesschau gezeigt wurden, gingen um die Welt. Die Botschaft war klar: In Leipzig hatten sich tausende gegen die SED-Führung aufgelehnt. Und das friedlich. Zu einem Eklat, wie es ihn Monate vorher in Peking auf dem “Platz des Himmlischen Friedens” gegeben hatte, kam es diesmal nicht. Trotz Anzeichen für ein Eingreifen der NVA, Schefke hatte auf dem Weg von Berlin nach Leipzig mehrere Militärfahrzeuge gesehen.

Wie elend es um die DDR bestellt war, wurde vielen Deutschen nur klar, als sie heimlich gedrehte Beiträge aus der DDR im Westfernsehen sehen konnten. Nichts scheute die Stasi mehr als bewegte Beweisbilder, die z.B. den unzumutbaren Zustand in Bitterfeld oder verfallene Straßenzüge in Leipzig zeigten. Natürlich sahen auch die SED-Kader Westfernsehen und beäugten die Arbeit der Ost-Korrespondenten kritisch. “Totalitäre Diktaturen scheuen nichts mehr als die Öffentlichkeit. Insofern waren Teile der Westmedien tatsächlich Umsturzhelfer, weil sie das Öffentlichkeitsmonopol der Partei gebrochen haben”, sagte Prof. Klaus Schroeder, SED-Experte an der FU.

Kritisch wurde bei der Diskussion auch die Arbeit der anderen Ost-Korrepondenten beleuchtet. SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski, Moderator des Abends, zitierte den ehemaligen ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser: “Wir hatten mehr Respekt vor den Autoritäten, als vor unserer eigenen Arbeit.” Auch die anwesenden Ex-Korrespondenten blickten kritisch auf ihre Arbeit in der DDR. So köderte die SED Westjournalisten mit Privilegien wie erheblichen Steuervorteilen. Nicht alle konnten der Versuchung wiederstehen. Noch 1988 zeichnete DIE ZEIT auf einer Reportagereise ein positves Bild vom Status Quo der zwei deutschen Staaten. Schwarz und sein ARD-Kollege Hans-Jürgen Börner waren sich einig, dass die Kollegen der ZEIT sich mit den verantwortlichen Offiziellen gut stellen wollten. Jeder wollte auf das rote Sofa zum Interview mit Erich Honecker. Klaus Schroeder erklärt es so: “Es wurde Entspannungspolitik gemacht. Viele dachten, dass es vielleicht besser wäre, wenn Deutschland geteilt bleibt. Viele westlichen Medienvertreter zogen eine Schleimspur durch die DDR.”

Doch nicht alle Journalisten ließen sich davon entmutigen. So wurde der SPIEGEL-Korrespondent Ulrich Schwarz 1978 wegen Verleumdung der DDR aus ebenjener ausgewiesen. Er hatte ein Manifest der SED-internen Opposition veröffentlicht, das unter anderem das ausschweifende Leben mancher Parteimitglieder kritisiert und eine Widerannäherung der beiden deutschen Staaten mit dem Ziel der Wiedervereinigung forderte. Die DDR warf dem SPIEGEL daraufhin Kollaboration mit dem BND vor und verwies alle Mitarbeiter des Magazins mehrere Jahre lang des Landes. Von “böswilliger Verleumdung” und “vorsätzlicher Vergiftung deutsch-deutscher Beziehungen” war die Rede. Nicht einmal seine Eltern hätte ein SPIEGEL-Mitarbeiter in dieser Zeit besuchen können. Solche Artikel stärkten die Isolation der DDR, aus welcher Honecker unbedingt ausbrechen wollte. “Am liebsten hätte Honecker auf Königin Elisabeths Schoß gesessen”, so Schwarz.

Die Westmedien waren das Sprachrohr der DDR-Oppositionellen. Sie brachen das Informationsmonopol der Partei. Sie nahmen den Menschen Angst und machte ihnen Mut. Sie ließen einen Hauch von Revolution durch das sozialistische Deutschland wehen. Ein Umsturzhelfer waren die Westmedien vielleicht nicht. Auf jeden Fall aber ein Indikator, der die Entwicklung und die Aufklärung des Volkes beschleunigte.

Zum Schluss der Veranstaltung gab es vom Hans-Jürgen Borner Kritik am heutigen Journalismus. Er appellierte an seine jungen Kollegen: “Betreibt keinen Staatsjournalismus.” Heutzutage gebe es nur noch “so eine Art” von Berichterstattung. Selbst die Tagesthemen kämen ihm heutzutage manchmal wie das Nachmittagsprogramm von RTL vor. “Es gibt viel zu tun. Packen wir es an.”

Thomas Hoffmann, Pablo Silalahi und Daniel Riedel

Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Medienmacher zu Besuch | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “Tonbänder, Videokassetten, Kartoffeldruck: Crossmedia der ersten Stunde”

  1. Dr. Bernardy

    “Alle haben es gewollt”

    Ob DDR oder Nazi-Deutschland, – die einen haben gelitten, die anderen wollen nichts davon bemerkt haben.

    http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/index.html

    http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/leserbriefe.html

    http://www.poolalarm.de/kindersuchdienst/ddr-schule.htm

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