GASTBLOG: Wir, die Video-Blogger
Ich glaube Matthias Matussek war gerührt. In der letzten Woche ist er für seine Arbeit gelobt worden. Er ist auf der Preisverleihung des Medienmagazins V.i.s.d.P. zum Onlinejournlisten des Jahres gewählt worden. In der aktuellen Ausgabe von Was mit Medien sagt er uns: “Ein Lebenstraum wurde Wirklichkeit. Der Goldene Prometheus ist der Oscar für Blogger! Das Training der letzten zehn Jahre hat sich gelohnt. Die Höhenlager, das Sprachtraining, das mentale Training, das Ekeltraining – das alles hat sich jetzt endlich ausgezahlt. Ich bin über über glücklich. Oder wie wir Blogger sagen: Super super glücklich!”
Vom Journalisten zum Blogger? Von der Edelfeder zur Mininotebooktastatur? Macht Video-Blogging super-super-glücklich? Matussek ist ja nicht alleine. Auch andere Kollegen folgten in die bewegten Blogwelt und suchen das Heil der super super Glücklichkeit. Haben sie es geschafft? Für diesen Gastblog-Eintrag habe ich mich in die Rolle des Zuschauers gezwängt und lasse sechs Jahre Blog-Erfahrung mit einfließen und mache den großen Video-Blog-Test.
Name: Martenstein!
Autor: Harald Martenstein
Plattform: WatchBerlin
Datum: 30.01.2008
Titel: Nazis und Feinstaubplaketten
Inhalt: Martenstein wundert sich über die Aufregung nach Nazimetaphern und ist gespannt, wenn Berlins Straßen Ausländerfrei sind (wegen der TÜV-Plakette).
Bewertungen:
I. Die Inhalte – zwischen Information und Unterhaltung.
Diese Episode ist 4:13 Unterhaltung. Die Zeit kann ich mir gut beim Zeitungslesen abzwacken. Ich fühle mich genauso, als wenn ich in diesem Moment eine Kolumne von Martenstein lese – das ist gut.
II. Die Qualität – zwischen Handycam und Kinoproduktion.
Kennen Sie noch Wackel-Dackels? Die sind inzwischen von den Auto-Hutablagen verschwunden. Zwei von denen arbeiten jetzt als Kameramänner von Harald Martenstein. Ich glaube es soll cool sein, wenn Harald Martenstein an seinem Küchentisch sitzt und das Bild immer ein wenig wackelt – es wird zwischen zwei Motiven hin und her geschaltet um Abwechslung in das Spiel zu bringen. Letzteres ist gut.
III. Die Moderation – zwischen 20:15-Uhr-Qualität und Fremdschemen.
Harald Martenstein präsentiert sich solide vor der Kamera. Er spielt sich selbst. Da ist nichts aufgesetzt, vorgegaukelt oder
überpräsentiert. Ich schaue ihm gerne zu.
IV. Die Nachhaltigkeit – zwischen Daten-Papierkorb und Archiv für die Ewigkeit.
Hat mir eine Zeitungsausgabe gut gefallen, lege ich sie auf einen Stapel und dieser Stapel liegt dann für Wochen auf meinen Tischchen. Irgendwann kommt der Stapel dann weg. Leider kann ich die Videos nirgends ablegen – ich würde es tun. Martenstein ist Ehrensenf für Leute, die intelligenter unterhalten werden wollen. Das ist ja auch gut für’s Gemüt.
V. Das Ergebnis
Ich mag das Video-Blog von Martenstein. Immer wenn ich jetzt einen Printtext von ihm lese, stelle ich mir vor, wie er an seinem Küchentisch sitzt und seinen Text erzählt.
Name: Matusseks Kulturtipp
Autor: Matthias Matussek
Plattform: Spiegel Online
Datum: 29.01.08
Titel: Eklat beim Blogger-Oscar
Inhalt: Matussek berichtet von seiner Fahrt zum Goldenen Prometheus und wie er versuchte, die Preisverleihung zu überstehen.
Bewertungen:
I. Die Inhalte – zwischen Information und Unterhaltung.
Das Pendel schlägt in dieser Episode eindeutig in Richtung Unterhaltung aus. Ich musste lachen, mich schämen und fieberte mit, ob Matussek seinen Goldenen Prometheus nun erhält oder nicht; obwohl ich den Ausgang eigentlich schon kannte.
II. Die Qualität – zwischen Handycam und Kinoproduktion.
Das Video ist sehr aufwendig gemacht. Der Schreibtisch wird als Erzählperspektive gewählt. Es gibt Szenen aus dem Zug von der Fahrt und Filmmaterial von der Preisverleihung. Dazu Requisiten und Effekte zum Aufpeppen.
III. Die Moderation – zwischen 20:15-Uhr-Qualität und Fremdschemen.
Matussek ist in seinen Filmen ein Klassenkasper. Ich glaube das macht der gerne. Er wirkt latent überdreht, aber steht gerade noch einen Schritt vor dem Abgrund des Fremdschemens. Eine Identifikationsfigur.
IV. Die Nachhaltigkeit – zwischen Daten-Papierkorb und Archiv für die Ewigkeit.
Matusseks Kulturtipp ist Nachhaltigkeit in Bild und Ton. Wenn ich eine Episode gesehen habe und am nächsten Tag auf die Seite zurückkehre, kehrt auch mein Grinsen zurück. Was will man als Video-Blogger mehr?
V. Das Ergebnis
Hätte Matussek den Goldenen Prometheus nicht bekommen, hätte ich ihm den jetzt verliehen.
Name: Calli.tv
Autor: Reiner Calmund
Plattform: Eigene Webseite
Datum: ?
Titel: Bundesliga-Check
Inhalt: Calli telefoniert mit irgendwem und kommentiert den Hamburger SV.
Bewertungen:
I. Die Inhalte – zwischen Information und Unterhaltung.
2 Minuten und 35 Sekunden Telefonat. Auf der Webseite steht: “Calli bedient sich hierbei des Mediums, das er am Besten beherrscht. An seinem geliebten Telefon erklärt er gewohnt wortgewaltig einem imaginären Gesprächspartner den Lauf der Fußballwelt” Wäre ich Mega-Fußballfan – fänd’ ich es nett, aber inhaltlich käme selbst dann mehr Calmund als Inhalt rüber.
II. Die Qualität – zwischen Handycam und Kinoproduktion.
Die Bilder sind solide gemischt; was will man auch machen, wenn Calli an seinem Schreibtisch sitzt und telefoniert. Brauchen wir überhaupt Bilder? Ein Audiopodcast hätte es auch getan. Wobei: Die Intromusik ist aus der kostenlosen Bibliothek von Apples Software Garageband. Das ist ja nicht verboten, aber trotzdem …
III. Die Moderation – zwischen 20:15-Uhr-Qualität und Fremdschemen.
Damit es nicht zum Fremdschämen wird, haben die Macher diese Frage durch die Telefonat-Idee elegant umschifft. Leider wird eins vergessen: Der Zuschauer. Zu einer guten Moderation gehört das folgende Beziehungsdreieck: Moderator – Thema – Zuschauer. Durch das Telefonat werden die Zuschauer nicht einbezogen. Ich fühle mich deswegen nicht einbezogen und langweile mich.
IV. Die Nachhaltigkeit – zwischen Daten-Papierkorb und Archiv für die Ewigkeit.
Calli.tv würde ich nicht einmal abonnieren – höchstens mal ab und zu mir direkt auf der Webseite ansehen.
V. Das Ergebnis
Fußball ein spannendes Thema, mit einer spannenden Persönlichkeit: Die Idee ist gut, die Umsetzung langweilig.
Name: Blattschuss!
Autor: Oliver Gehrs
Plattform: WatchBerlin
Datum: 04.02.08
Titel: Homosexualität und BILD
Inhalt: Oliver Gehrs übt Spiegelkritik und verrät schon am Sonntag vor dem Spiegel-Montag, was die Leser erwartet.
Bewertungen:
I. Die Inhalte – zwischen Information und Unterhaltung.
Ich bin noch etwas verwirrt. War das jetzt ein Werbespot oder eine Kritik? Okay, das mit den Excel-Tabellen … das war Kritik. Okay, die Empfehlung “Kaufen” … das war Werbung. Egal! Oliver Gehrs hat Glück. Er wohnt in Berlin und bekommt den Spiegel einen Tag früher und verrät schon so, was drin steht. Der Medienjournalist kommentiert die Aufbereitung und das ist das Informativste, was es in unserer Testreihe zu sehen gibt.
II. Die Qualität – zwischen Handycam und Kinoproduktion.
Eine Kameraeinstellung wird bei Blattschuss! benutzt. Durch die Kürze (3:38) und Gehrs Interaktion vor der Kamera wirkt der Film trotzdem dynamisch.
III. Die Moderation – zwischen 20:15-Uhr-Qualität und Fremdschemen. Als Einziger hat Gehrs ständig in die Kamera moderiert. Das hat mir gefallen, ich fühlte mich angesprochen.
IV. Die Nachhaltigkeit – zwischen Daten-Papierkorb und Archiv für die Ewigkeit.
Die Blattschuss-Episoden wirken genau sieben Tage – bis der nächste Spiegel erscheint.
V. Das Ergebnis
Schöne Idee, schönes Format und schöne Umsetzung.
Daniel Fiene
Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Zukunft des Journalismus | 4 Kommentare »






Am 5. Februar 2008 um 19:27 Uhr
Ich scheme mich auch ein wenig fremd
nein quatsch, passiert!
Am 6. Februar 2008 um 09:50 Uhr
Matussek hatte seine goldene Trophäe von Anfang an aufm Schreibtisch stehen. Da wusste selbst ich als Laie schon vorher, dass er das Ding gewonnen haben wird.
Am 7. Februar 2008 um 17:51 Uhr
Noch ein Testtipp: Rebell.tv
Von den oben getesteten ist Martenstein eindeutig mein Favorit, aber vermutlich nur, weil ich seine Texte zuvor bereits geschätzt habe.
Am 19. März 2008 um 22:47 Uhr
was hat der Autor gegen calli.tv. ist doch toll gemacht? und gegen den Anfängen, jetzt eine tolle Seite geworden. einer der besten Videoblogs die ich kenne.