18.9.2007

GASTBLOG: Sie will nicht.

Manchmal bin ich froh, Radiomensch zu sein. Auch wenn meine Eltern dann nicht zu Hause sitzen, die Artikel ausschneiden und sie mir stolz zeigen, wenn ich sie am Wochenende besuche. Printkollegen erzählen mir, wie ihre Artikel zu Hause gesammelt werden. Dann bin ich immer ein ganz bisschen neidisch. Dafür muss ich meine Interviews nicht autorisieren lassen. Bei “Was mit Medien” sind wir in letzter Zeit häufiger auf ein Problem gestoßen: Die Änderungen durch den Gesprächspartner oder seinem PR-Attaché werden immer drastischer, sodass die Interviews gar nicht mehr lesbar sind. Ich finde, darüber muss ordentlich diskutiert werden.

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Im Februar gab es den Fall der Hannah Herzsprung. Sie hatte dem u_mag ein Interview gegeben und den Redakteuren ist in dem Text zu viel herumgestrichen worden. Um auf die Praxis aufmerksam zu machen, haben sie den Text mit geschwärzten Stellen veröffentlicht. Das Interview sah schlimmer aus als ein Geheimdienstdokument.

Jüngster Fall: Anne Will und das Stern-Interview. In der vorletzten Woche sollte ein großes Interview mit der neuen First Lady der ARD erscheinen. Thema: “Die Erste im Ersten”. Redakteur Alexander Kühn hat das Interview nicht veröffentlicht. “Die paar netten und plastischen Stellen sind mit der Autorisierung verschwunden. Deswegen haben wir gesagt, wir drucken das gar nicht.”, sagte der Kultur-Journalist in unserem Podcast Nr. 107.

Etwas schwierig sei das Gespräch gewesen. Das Resultat sei ganz okay gewesen. Vor der Veröffentlichung ist das Interview der Pressesprecherin von Anne Will übermittelt worden. Das Resultat enttäuschte Alexander Kühn: “Ich habe selten erlebt, dass jemand die schönsten Sachen herausgenommen hat.” Er findet es okay, wenn kosmetische Änderungen vorgenommen werden, schließlich können in einem Printtext nur Teile des langen Gesprächs wiedergeben werden.

Im Fall Anne Will ist ihm vieles unverständlich gewesen: So ist die Beschreibung des Studios herausgestrichen worden – in der Veröffentlichungswoche ist in anderen Medien ziemlich viel über die Einrichtung geschrieben worden. Einige “überarbeitete” Antworten lasen sich wie Politiker-Antworten. Sie waren glatt gebügelt und niemand konnte sich an ihnen stoßen. Wenn Antworten zu Worthülsen werden, dann ist das kein Gespräch mehr. Das musste sich auch der Stern gedacht haben – das Interview ist nicht gedruckt worden. Zu der Gegenseite ist jedoch zu sagen: Im Umfeld der Pressekonferenz ist Anne Will auf das Stern-Interview angesprochen worden. Sie wollte dazu nichts sagen, soll aber gesagt haben, sie lasse sich nicht missbrauchen. Was immer das auch sagen soll. Was mich überrascht: Eine Talkmasterin wünscht sich von Politikern in ihren Sendungen keine Worthülsen, sondern ehrliche Antworten. Muss sie nicht selbst mit gutem Beispiel vorangehen?

Doch was sind die Gründe für so extreme kosmetische Änderungen in einem Gespräch? Journalisten im anglo-amerikanischen Kontext würden sich so etwas nicht bieten lassen. Gesagt ist gesagt. Sowohl die Redakteure beim Stern als auch bei u_mag sagten uns, sie haben im Grunde nichts gegen eine Autorisierung. In gewisser Weise mache das Sinn. Doch wie weit darf der Interview-Partner gehen?

Es scheint ein großes Bedürfnis unter Journalisten zu geben. Spontan ist letzte Woche auf dem Jonettag in Hamburg ein Workshop einberufen worden, bei dem es um diese Frage ging. Journalisten haben Erfahrungen ausgetauscht und Gründe erarbeitet, warum die Gesprächspartner Dinge ändern wollen. Daraus wollten Sie mögliche Lösungsansätze ableiten, um künftig weniger Ärger mit den Autorisierungen zu haben.

Viele Fragen ergeben sich: Wieviel Autorisierung macht Sinn? Übernehmen nicht PR-Leute die Arbeit des Journalisten, wenn sie zu viele Aussagen filtern und streichen? Eine Debatte würde unser Interview-Kultur nicht schaden. Sonst sind wir irgendwann so weit, dass Gesprächs-Partner komplette Gespräche von ihren PR-Leuten ausformulieren lassen. Willkommen in der nächsten Stufe des Copy&Paste-Journalismus.

Daniel Fiene

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Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 5 Kommentare »

5 Kommentare zu “GASTBLOG: Sie will nicht.”

  1. Soeren

    Dass Anne Will offenbar die Katja Riemann der TV-Journalisten ist, kann man ja an verschiedenen Stellen nachlesen (u.a. http://www.welt.de/wams_print/article1151657/Die_vielen_Gesichter_der_Anne_Will.html). Aber wegen des Redigier-Eifers einiger PR-Menschen gleich eine Debatte über das (schon sehr oft besprochene) Thema “Autorisierung” loszutreten, find ich denn doch zuviel. Die “Waffen” sind doch gleich verteilt! Und: Journalisten haben doch bisher (den Beispielen im Text nach) offenbar immer instinktiv richtig reagiert: Sie drucken das Interview demonstrativ nicht ab, schreiben gleich einen Erlebnisbericht oder ein Porträt (Zeit LEBEN zu Anne Will) oder zeigen die geschwärzten Stellen. Solche Reaktionen registriert doch die PR-Branche genau und damit reguliert sich das System doch von selbst, oder?

  2. daniel

    So eine Diskussion sollte natürlich nicht wegen Anne Will losgetreten werden. Aber die Fragen, wie weit PR-Leute gehen dürfen, bleiben dennoch. Und: Auch wenn Journalisten das dann einfach nicht abdrucken – dem Leser bleibt dann vielleicht ein spannendes Gespräch vorenthalten. Natürlichkeit und vielleicht sogar Ehrlichkeit droht dann auf der Strecke zu bleiben.
    Just my 2 Cents .. :)

  3. Thomas Wanhoff

    Bisweilen ist es erschreckend zu sehen, wie unfähig PR-Leute sind. Kaum nicht mehr in einer Agentur, sondern direkt Sprecher des Kunden, versuchen sie Macht auszuüben – oftmals schlicht aus Neid, nicht der Promi selbst zu sein. Ich habe das immer wieder erlebt. Aber gerade in Deutschland herrscht auch noch eine Unkultur, Veröffentlichungen kontrollieren zu wollen – ich habe die unsägliche Authorisierungspraxis nie verstanden und halte sie für absolut überflüssig.

  4. Schürhaken

    Wenn ein Kunde eine Agentur oder einen einzelnen Berater als seinen Sprecher engagiert hat und gutes und teures Geld dafür bezahlt, dann ist es wohl nur gut und recht, dass dieser darüber entscheidet, bzw. den Auftraggeber dahingehend berät, was für ihn positiv wäre, und was nicht.
    Einige Journalisten sind ja froh, wenn sie vorgefertige Interviews bekommen.

    Schließlich ist ja genau das Teil der Arbeit der PR-Leute.

    LG aus Tirol
    Schürhaken

  5. daniel fienes weblog » Blog Archive » fiene & von letzter woche …

    [...] Am letzten Dienstag ist mein neuer Gast-Beitrag im Blog der Axel-Springer-Akademie erschienen: Es geht um Anne Will. Und alle anderen Interview-Partner, die nachtrglich ihre Interviews autorisieren lassen. Oft werden Interviews quasi langweilig gemacht. Der Stern verzichtete auf die Verffentlichung eines Will-Interviews. Ich habe ber diese Praxis geschrieben. Titel: Sie will nicht. [...]