Poesie des Zufalls – Ernst Elitz über das perfekte Interview
Nicht jeder Journalist spielt Schach, aber jeder sollte die Züge eines gelungenen Interviews beherrschen. Wie man dabei gleichzeitig mit- und vorausdenkt, weiß Professor Ernst Elitz, Intendant des DeutschlandRadios, aus Erfahrung. Und er weiß, wie man junge Leute fesselt – nicht nur über den Äther: Im Roten Salon der Axel Springer Akademie verriet er Tricks und Kniffe und warum Journalistinnen beim Interview einen Vorsprung haben.

Foto: Eva Sudholt
Als warming up empfiehlt der Routinier Ernst Elitz offene Fragen, oder eine zum Wetter. Die schaffe Vertrauen, sollte aber später aus dem Text gestrichen werden, denn: “Kleinteiligkeit ermüdet.” Deshalb seien offene Fragen bei Live-Übertragungen im Fernsehen als Einstieg tabu. Vor Kamera und Mikrophon galt es, kurz und knapp zu fragen, Fakten und Meinungen abklopfen. Doch dann erkannte man, dass auch Journalisten erst im längeren Gespräch neue Lebenswelten eröffnen, sich Interviewpartner erst mit der Zeit entfalten können. Deshalb gehe es heute nicht mehr um kurze oder lange, offene oder geschlossene Fragen, sondern nur um eines: um Spannung.
Erfolgsrezept dabei seien Personalisierung und Authentizität. Am besten funktioniere das vor der Kamera, schließlich bleibt dem Zeitungsleser die sympathische Ausstrahlung ebenso verborgen wie verräterische Schweißperlen auf der Stirn. Aber mit Präsenz auf dem Bildschirm allein sei noch nichts gewonnen. Es gehe um den Kontrast von knackigen Wortwechseln und langen Passagen, von Frage- und Ausrufezeichen, von Überraschungsmomenten. Wer irritiert ist, ist unsicher und sagt Dinge, die er sonst vielleicht nicht sagen würde. Elitz holt kurz Luft. Und nie das “Ja, aber…” vergessen, nachhaken, sich vom Notizblock lösen, Widersprüche aufdecken und Themen vertiefen. “Man darf alles fragen. Es kommt nur darauf an, wie man fragt.”
Wenn Interviewgäste merkten, dass der Fragende kein Dummkopf ist und sie auch nicht bloßstellen will, dann fühlten sie sich oft herausgefordert. Eine gute Vorbereitung sei daher für das Interview besonders wichtig. “Boxer sehen sich den Kampf ihrer Gegner auf Video an.” Auch der Journalist müsse sich auf sein Gegenüber einstellen, müsse mehr wissen als der Befragte. Frauen, so Elitz, hätten dabei leichteres Spiel. “Der Mann nimmt die Frau oft nicht ernst und will ihr gefallen, ergo erzählt er mehr.”
Dabei sind Print-Journalisten besonders im Vorteil. Sie können verdichten, Absätze umstellen, sich bei Titel und Vorspann austoben, die nicht zur Autorisierung vorgelegt werden. Vielleicht wirke der Zeitungsjournalist auf Pressekonferenzen deshalb immer so entspannt, während Fernsehjournalisten dort stünden, “wo die 1000-Watt-Birne glüht, und der vom Radio in der Ecke schweißnass an seinem Gerät herumfummelt.”
Aber das sind Stadien, die Ernst Elitz nach 41 Jahren im Geschäft längst hinter sich hat. Er strahlt Souverenität aus. 1,8 Millionen Deutsche hören im Durchnschnitt täglich sein DeutschlandRadio, acht Millionen regelmäßig. In den vergangenen Jahren hat der 66-Jährige den Alterdurchschnitt seiner Hörerschaft auf unter 50 Jahre gedrückt. Sein Erfolgsrezept? Im Radio wirkten Überraschungsmomente ebenso Wunder wie auf dem Schachbrett – oder wie im Interview. So mischt seit zwei Jahren ein Zufallsgenerator Poesie in das Programm – ein Gedicht nach dem Börsenbericht.
Jenni Roth
Autor: student Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Gäste der Akademie, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 2 Kommentare »

Am 10. August 2007 um 21:30 Uhr
Interessant!
Am 14. August 2007 um 09:00 Uhr
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