5.6.2007

GASTBLOG: Versackt im schwarzen Technik-Loch

Es gab mal wieder eine ganze Reihe an Neuigkeiten, die in der letzten Zeit betrachtens- und diskussionswürdig waren: Neue Kameras, neue Aufnahmegeräte, großartige Mikros, ein wunderbarer Kopfhörer, die neuesten Releases von Software, die das crossmediale Produzieren noch ein Stückchen leichter und angenehmer machen – kurzum, ich hatte wieder einmal das unbestimmte Gefühl, in den aufregendsten Zeiten zu leben, in denen man als Journalist überhaupt leben kann.

jakblog.jpg

Dann kam ich vergangene Woche hier an, hier an dieser Akademie, die sich ausweislich das cross- und multimediale Ausbilden auf ihre Fahnen geschrieben hat. Um Videos im Netz sollte es gehen und natürlich hatte ich eine ganze Reihe von Charts und Theorien im Gepäck und wenn ich wirklich ernst hätte machen wollen, hätte ich noch mehr an Charts und Theorien im Gepäck haben können, gegebenenfalls sogar ein paar Kopfhörer, aber das war nicht nötig, weil ohnehin jeder seinen eigenen hatte.

Und so hätte ich noch eine ganze Zeit weiter schwelgen und mich drehen können rund um Charts und Mikros und Kopfhörer, wenn nicht irgendwann am Rande einer der Seminarteilnehmer eine erschütternd einfache Frage gestellt hätte: Ob wir nicht momentan alle ein bisschen arg viel von Technik und Strategien quatschen würden und ob dabei nicht eventuell das, worum es eigentlich geht, zu kurz komme – nämlich der Journalismus.

Platsch, gute Frage. Für einen Moment kam ich mir vor wie der dümmste Journalistenausbilder auf der ganzen Welt (keine Sorge: diesen Zustand habe ich inzwischen wieder überwunden).

Natürlich hatte der Kollege ohne jede Einschränkung Recht. Vermutlich sind wir alle, die wir uns mit diesen crossmedialen Themen beschäftigen, derart damit beschäftigt, bloß nicht den Anschluss zu verpassen, dass wir zu anderen Dingen gar nicht mehr kommen. Es ist ja auch höllisch: Jedes Jahr, wenn wir gerade mal wieder der Versuchung erliegen wollen, einen Vortrag aus den vergangenen Monaten für eine ähnliche Veranstaltung noch mal neu aufzupolieren und zu recyclen, stellen wir fest, dass das leider nicht geht – hoffnungslos veraltet. Vor einem Jahr hätte ich jeden noch für leicht beschränkt erklärt, der mir hätte einflüstern wollen, ein Handy sei ggf. auch ein probates Produktionsmittel für Multimedia-Journalisten. Heute, ein paar Versuchseihen mit der N-Serie von Nokia später, würde ich das keineswegs mehr kategorisch ausschließen. Vor zwei Jahren hätte ich zum Thema Videoplayer noch empfohlen, in mehrere Formate zu konvertieren, heute – reicht Flash.

Merken Sie was?

Es geht schon wieder nur um Technik. Was für ein Unfug.

Dabei, obwohl ich selber nicht besser bin, wundere ich mich die ganze Zeit, dass wir immer noch so wenig reden über journalistische Standards im Multimedia-Business. Ich wundere mich, dass es in den konventionellen Medien inzwischen von jedem Kleintierzuchtverein einen Journalistenpreis gibt (zugegeben: auch solche, die man besser nicht gewinnen sollte), es aber sogar ein renommiertes Institut wie Grimme jedes Jahr schwer hat, für seinen Online-Award eine riesengroße Auswahl von geeigneten Preisträgern zu finden und dann Prügel bekommt, weil man ein Jury-Mitglied nachnominiert.

Und kennt eigentlich jemand irgendein multimedial-journalistisches Schwergewicht, so eine Art Riehl-Heyse des Onlinejournalismus? Den würde ich gerne sehen, am liebsten sogar ausbilden – dann hätte ich das Gefühl, dass die Entwicklung dieser immer noch neuen publizistischen Sparte in die richtige Richtung geht.

Womöglich also müssen wir in die Debatten um die neuen Entwicklungen, um den multi- und crossmedialen Journalismus der Zukunft noch ein paar Aspekte hinzufügen, über die wir bisher eher weniger gesprochen haben. Womöglich sollten wir uns in Zukunft wieder daran gewöhnen, uns an wirklich herausragenden journalistischen Tugenden und Produktionen zu berauschen, als an der neuesten digitalen Schnittsoftware, die nebenher auch noch als Navigationssystem auf dem Handy verwendbar ist.

Wenn also künftig einer eine wirklich große Reportage für ein neues Medium produziert, vielleicht sollten wir ihm dann einfach mal wieder stehend applaudieren anstatt zu mäkeln, dass die dazugehörige Animation nicht für die neueste Flash-Variante kompatibel und außerdem das Geo-Tagging verbesserungsbedürftig sei. Machen wir uns also, kurz gesagt, hin und wieder einfach mal wieder klar, dass es Journalismus ist, von dem wir reden – und nicht Technik.

Christian Jakubetz

Autor: Gastblogger Kategorie: A bis Z, Ausbildung, Zukunft des Journalismus | 1 Kommentar »

Ein Kommentar zu “GASTBLOG: Versackt im schwarzen Technik-Loch”

  1. Margita

    Wer will seine investigative Reportage an der nächsten Häuserecke verlesen und dann weiter zur nächsten ziehen? Wohlbemerkt – ganz ohne Technik!

    Hoch sollen all die leben, die sich’s (um der Sache willen!)leichter gemacht haben: mit dem ersten Bleisatz, Digitaldruck, dem Internet, moderner Software.

    Und ein noch dickeres Lob denen, die trotzdem nicht zu träge geworden sind, um zu überlegen, welche NEUEN journalistischen Möglichkeiten sich durch technische Innovationen ergeben. Um der Sache willen.

Einen Kommentar schreiben