Journalismus statt Dampfplauderei
„Eigentlich findet Journalismus ja überall da statt“, schreibt Chefredakteur Stefan Baron im Editorial der neuesten Ausgabe seiner „Wirtschaftswoche“, „wo Menschen, die etwas für viele Interessantes entdecken oder beobachten, dieses mit den vielen teilen.“ Aha. Aber ist das wirklich so? Ist Journalismus nicht mehr, als ein lustiges Video von Onkel Afreds Unfall mit dem Aufsitzrasenmäher in YouTube zu stellen?
Baron schreibt, das Internet bringe das Monopol der Massenmedien in der Nachrichtenvermittlung zum Einsturz: „Aus dem vertikalen Nachrichtenstrom von oben nach unten macht es ein horizontales Gespräch, an dem jeder teilnehmen kann.“
„User-generated content“, „Bürgerjournalismus“, „Leserreporter“, alles gut und schön – aber bitte, das ist doch kein Journalismus. Wo ist da die nötige (Ein)Ordnung, die Gewichtung, die Bewertung, die Journalismus so wertvoll macht?
Zum Journalismus gehören Themenauswahl und Themengewichtung ebenso zwingend wie die Verifikation von Nachrichten – und gerade die wird durch das „globale Gespräch“ im Internet und zahllose Dampfplauderer ja nicht überflüssig, sondern im Gegenteil noch wichtiger. Kein Wunder, dass auch im Internet traditionelle Medienmarken die höchste Glaubwürdigkeit genießen.
Das Internet ist nicht das Ende des Journalismus, lieber Herr Baron. Es ist vielmehr eine großartige Chance für Profi-Journalisten, die ihr Handwerk verstehen.
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik, Zukunft des Journalismus | 5 Kommentare »

Am 6. März 2007 um 19:03 Uhr
Themen sind da, wo Menschen sind.
Natürlich kann der “User-generated-content” nicht den professionellen Journalismus ersetzen. Aber ich glaube, er will es auch gar nicht.
Und der “Bürgerjournalist” hilft ja auch den Profis.
Denn die schönsten Geschichten schreibt immer noch das Leben. Ein abgegriffener Satz, Herr Peters, ich weiss. Aber Sie selbst haben ja geschrieben, wie das mit Klischees manchmal so ist.
“Der einfache Mann von der Strasse” ist heute nun mal auch der “User im Netz”. Und wie einfach ist es doch im vergleich zu früher:
Das www bringt die “Vox-Pops” direkt auf den eigenen Bildschirm.
Die Meinung des Kellners aus New Jersy, genau so wie die Einschätzung des Anwalts aus Mumbai, nur einen Mausklick entfernt.
Aber auch im “Global Village” gelten die Regeln des Journalismus.
Die Gefahr ist gross, vieles ungefragt für “bare Münze” zu nehmen.
Aber das ist eben die Herausforderung. “Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen”. Manchmal lohnt auch heute noch der Blick ins Grimmsche Märchenbuch. Denn, wer Dampfplauderei nicht im Netz erkennt, wird es auch schwer haben, sie im “realen Leben” zu erkennen.
Am 6. März 2007 um 22:20 Uhr
Man gibt immer dann ein besonders jämmerliches Bild ab, wenn man andere niedermachen muss, um sich selbst zu erheben. Nichtberuflichen Journalismus im Internet auf “ein lustiges Video von Onkel Afreds (sic!) Unfall mit dem Aufsitzrasenmäher in YouTube” zu reduzieren und darauf die Argumentation aufzubauen, ist kein Beispiel für das, was alte Medien angeblich so unverzichtbar macht. Es ist nach meiner Meinung vor allem peinlich und entlarvend.
Zudem würde mich interessieren, wo der “liebe Herr Baron” geschrieben hat, das Internet sei das Ende des Journalismus. Ich habe es nicht gefunden.
Am 7. März 2007 um 12:21 Uhr
@ Jan Tißler
Zugegeben, „Onkel Afred“ ist polemisch. Aber nicht falsch. Die Frage ist doch, ob es „nichtberuflichen Journalismus“, wie Sie es nennen, überhaupt geben kann in einer relevanten Größenordnung. Oder um es mit Prof. Christoph Neuberger von der Uni Münster zu sagen, dem Experten in Deutschland für Online-Journalismus: „Die Behauptung, dass professioneller Journalismus durch Weblogs ersetzt oder verdrängt werden könne, halte ich für unsinnig.“ (http://mmm.verdi.de/archiv/2006/09/titelthema_buergerjournalismus/berufsrolle_im_wandel)
Es ist ja eine romantische und auf den ersten Blick durchaus sympathische Vorstellung, dass Hunderttausende Hobby-Reporter im Internet die klassischen Massenmedien ersetzen. Aber Journalismus braucht Ausbildung, Journalismus braucht Qualitätsstandards und Kontrollmechanismen. Und Journalismus braucht viel Zeit und viel Geld, braucht unabhängige, starke Medien (ohne die Demokratie nicht funktionieren könnte).
Es ist toll, wenn das erste Foto vom Transrapid-Unfall von einem “Leserreporter” kommt. Das hilft und bereichert den Journalismus, ebenso wie die vielen Blogger, die sich in ihrer Freizeit engagieren, die Kontrollfunktionen ausüben und neue Anregungen geben können (@ Pablo Silalahi: da stimme ich ihnen gern zu) – aber es ersetzt die Profis nicht, es ergänzt sie nur.
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin überzeugt davon, dass sich der Journalismus verändern wird und verändern muss und dass das Internet großartige Chancen dafür bietet. Im lokalen Mikrokosmos kann „Bürgerjournalismus“ vielleicht sogar funktionieren, jedenfalls dort, wo der Community-Gedanke wie in den USA nicht nur im Internet, sondern auch im realen Leben, im Alltag eine wichtige Rolle spielt.
Aber auf größerer Ebene wird Journalismus hoffentlich immer eine Sache für ausgebildete Journalisten bleiben, und das hat nichts mit Arroganz oder „Niedermachen“ zu tun, sondern allein mit der nötigen Qualität. Ich jedenfalls möchte die Informationen über das neueste Steuergesetz von einem professionellen Journalisten bekommen, der schon in der Vergangenheit bewiesen hat, dass seine Arbeit glaubwürdig und verlässlich ist, der die Materie beherrscht und prüfen kann, der die politischen Hintergründe kennt und die Nachrichten aufgrund seiner Ausbildung und Erfahrung zu gewichten und einzuordnen vermag.
Oder gehen Sie nicht zum ausgebildeten Augenoptiker, wenn Sie eine Brille brauchen, oder zum Arzt, wenn Sie Informationen über ihren Gesundheitszustand wollen?
Am 12. März 2007 um 22:48 Uhr
Das Steuergesetz würde ich mir immer zuerst von meinem Steuerberater erklären lassen. Und wenn es einen bloggenden Steuerberater gibt, würde ich dessen Erklärungen immer denen eines Journalisten vorziehen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass es anderen Menschen in Zukunft ähnlich gehen wird.
Und zum Thema Romantik: Ich empfinde Ihre Vorstellung vom perfekt ausgebildeten Berufsjournalisten, der sich Qualitätsstandards verpflichtet fühlt und durch Kontrollinstanzen geleitet wird, als romantisch und unrealistisch. Die Realität sieht für die breite Masse an Journalisten anders aus und findet zwischen Stellenabbau, Termindruck, den Vorstellungen des Redaktionsleiters, des Chefredakteurs, des Herausgebers und den grundsätzlichen Richtlinien des Verlags statt. Überspitzt formuliert brauchen Journalisten ihre Ausbildung, um auch unter diesem enormen Druck noch eine akzeptable Arbeit abliefern zu können.
Blogger haben diesen Druck nicht.
Ich würde niemals behaupten, dass Blogger den Berufsjournalismus ersetzen. Ich persönlich glaube auch nicht an den lokalen Bürgerjournalisten. Ich glaube eher an den Fachblogger und an professionell vernetzte Fachblogger.
Manche Blogger werden von Journalisten lernen, manche Journalisten von Bloggern. Das jedenfalls hoffe ich. Und wenn das romantisch ist, dann bin ich gern romantisch.
Am 13. März 2007 um 12:01 Uhr
@ Jan Tißler
Darauf können wir uns sofort einigen. Ja, Journalisten und Blogger lernen voneinander. Ja, Fachblogger werden an Bedeutung gewinnen. Und, ja auch das, Journalisten brauchen unter anderem deshalb eine solide Ausbildung, weil sie auch unter Druck Qualitätsstandards halten müssen.
Meine Steuererklärung werde ich allerdings weiter lieber selbst machen, die wichtigsten Tipps dafür finde ich ja in guten Zeitungen.