Jahrmarkt der Belanglosigkeiten
Journalisten sind oft neidisch, spöttisch, zynisch, suchen immer nur nach dem Haar in der Suppe, klagen und motzen. Ist so, und ist nicht schön so. Aber die neue “Vanity Fair” hat es nicht anders verdient, sorry, da muss man einfach meckern.

“Vanity Fair”:
Neu, aber nicht gut
Das fängt ja schon beim schlampig geschriebenen Editorial von Chefredakteur “Posh” Poschardt an, dem wahrscheinlich meistgelesenen Text seiner Karriere. “Posh” trifft Leute “an” und freut sich über die Begeisterung “während” der sensationellen Leistung unserer Handballer. Liest da keiner mehr drüber? Poschardt verspricht Überraschungen auf höchstem Niveau – und fällt damit auf die Nase, zumindest in der ersten Ausgabe: Das Magazin ist überladen, viele Themen sind durchgenudelt, die Optik erinnert an eine ganz normale Frauenzeitschrift. Daran wurde fast zwei Jahre gearbeitet? Das Beste, was man sagen kann: Das Heft ist gewöhnlich. Aber gibt es für “Vanity Fair” Schlimmeres?
Das meint Ulrike Simon in “Welt Online”, das schreibt Reinhard Mohr in “Spiegel Online”.
Autor: jep Kategorie: A bis Z, Blattkritik | 10 Kommentare »

Am 7. Februar 2007 um 17:26 Uhr
“Die Eitelkeit trägt Ziegenfell statt Brusthaar” schreibt morgen die Berlin-Korrespondentin des “Standard” (www.derstandard.at/Etat) und mokiert sich damit über den mit Ziege posierenden Till Schweiger. Wenn sich bereits Österreicher über Deutsche lustig machen, ist das meist ein Alarmsignal.
Aber nachdem ich meinen Glauben an das Gute im Blatt so schnell einfach nicht verlieren MÖCHTE, verweise ich an dieser Stelle auf die ersten Sendungen der Harald-Schmidt-Show, die ein weit flaueres Gefühl hinterlassen haben als diese Startausgabe.
Ps.: Wer greift als Erster zum Wortspiel “Nullnummer”?
Am 8. Februar 2007 um 11:36 Uhr
Til Schweiger als Promi für das „neue Deutschland“? Mit einem Trauerspiel von Interview und Fotos, die bei der Betrachtung fast physisch qualvoll sind. Aus der Bravo Girl verirrt? Schweiger steht Midlife Crisis auf die Stirn geschrieben, mit jenem verzweifelten Geltungsdrang, der wohl auch „Posh“ zu dieser Auswahl getrieben haben muss.
Am 8. Februar 2007 um 12:09 Uhr
Nanana… liebe Anna, so schlimm war das ja jetzt auch wieder nicht. Klar geht’s bei einem Heft, wo “Eitelkeit” drauf steht auch um eitle Menschen. Deswegen wird es ja auch gekauft! Und schon allein für die Fotostrecke von Wilson, für die guten Texte über Obama, De Niro und Zennström sowie das Tagebuch von Politkovskaja lohnt sich der Euro allemal. Friedman wird vielleicht in Zukunft noch lernen, sich beim Schreiben noch was zurückzunehmen. Das könnte auch den Texten guttun. Und richtig… Schweiger steckt in einer Krise. Aber sicher nicht körperlich… Und gesehen hat man das sicher noch NICHT in der Bravo Girl. Nur das Interview dazu hätte man bleiben lassen sollen. Das können andere tatsächlich besser.
Am 8. Februar 2007 um 12:26 Uhr
Na klar, nicht alles ist schlecht, bei mehr als 300 Seiten muss ja schon nach dem Zufallsprinzip die ein oder andere gute Geschichte ins Blatt rutschen. Aber wer die Erwartungen so extrem hoch schraubt und höchstes Niveau verspricht, der kann doch nicht allen Ernstes mit einem unterirdischen „Til the Kid“-Interview als Titelgeschichte kommen. Das ist „inhaltsleeres, unredigiertes Geschwätz”, wie die “Berliner Zeitung” zu Recht schreibt. „In den Redaktionsstuben des US-Originals wäre man davon entfernt, so ein Pressesprecher-Gewäsch mit Journalismus zu verwechseln“ (“Frankfurter Rundschau”).
Mir geht’s wie Nils Minkmar in der FAZ: „Derart vorhersehbar ist der Spott, den das Blatt auf sich ziehen wird, dass man gar nicht von der eigenen Enttäuschung schreiben mag. Aber trotzdem: dieses Cover!”
Am 8. Februar 2007 um 12:39 Uhr
Viele Themen “sind durchgenudelt”, schrieb oben jemand.
Ich halte dagegen: Mir kommt die Vanity Fair hier deutlich zu schlecht weg.
Viele Fotos sind gut, und auch einige Seiten sind schön gestaltet.
Das Beste an der ersten Ausgabe des Magazins ist für mich der Essay von Bushido. Der Mann polarisiert und hat in den vergangenen Jahren mehr Platten verkauft als Rosenstolz und Yvonne Catterfeld zusammen. Den Berliner schreiben zu lassen, war eine tolle Idee der Redaktion. In dem Essay erfährt man vieles über die Einstellung Bushidos. Dass er von “Deutschen Tugenden” spricht, ist überraschend und regt zum Nachdenken an. Die witzige Karikatur macht aus dem Essay die beste Geschichte des Heftes.
Haben die Kritiker diesen Essay überblättert?
Am 8. Februar 2007 um 17:27 Uhr
Ich würde nicht sagen viele, jedoch in der Tat sind einige Fotos gut. Die dann aber auch mit exakt passender Bildunterschrift. So zum Beispiel im Kulturteil die Koboldfotografien von Baselitz. Mal ein ganz anderes Bild von dem Künstler. Doch auch wenn ich etwas finde, was mir gefällt, so rechtfertigt es mir noch nicht, das „durch die zahlreiche Werbung blättern“. Der gute Inhalt wird vergebens gesucht. Vieles ich nicht neu, geklaut (siehe: S.58 „Bild berichtete) oder ich will es gar nicht mehr lesen. Ganz schlimm das Titelbild. Poschardt zeigt sogar noch seine Lieblingscover auf S. 17. Spätenstens im Vergleich mit diesen vier Aufmachern, hätte er seinen Fehler merken müssen. Alles in allem hat mich die erste deutsche „Vanity Fair“ keinesfalls überzeugt. Selbst das Spottangebot, die nächsten 50 Ausgaben für je ein Euro zu bekommen, vorausgesetzt ich entscheide mich jetzt für ein Abonnement, bekehrt mich nicht. Wenn gleich es interessant erscheinen mag, das weitere Scheitern dieser Zeitung mitzuverfolgen.
Am 9. Februar 2007 um 09:50 Uhr
Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich sehe mich nicht dazu berufen, die Vanity Fair zu verteidigen. Viele Argumente der Kritiker sind nachvollziehbar.
Allerdings denke ich, dass es nach der ersten Ausgabe zu früh ist, diese Zeitschrift zu begraben.
Was sagte doch gestern ein erfahrener, bekannter Journalist?
“Bei Vanity Fair werden Sie sich noch wundern!”
Am 9. Februar 2007 um 10:43 Uhr
Bei Vanity Fair habe ich mich schon gewundert…
Am 9. Februar 2007 um 11:31 Uhr
Klar, erstmal draufschlagen ist immer leicht. Vor allem, wenn man (Achtung, Stromnberg-Zitat) mal eben so locker den Bimbam baumeln lässt wie Vanity Fair vor dem Start. Aber trotzdem…äh…hat das Ding eigentlich eine Substanz, gleich welche, Hauptsache IRGENDEINE??
Am 16. Oktober 2007 um 13:01 Uhr
[...] Schon der Name selbst ist clever gewählt, wie das Editorial verrät: “Jeder lebt in Phasen. Um Phase1 haben sich unsere Eltern gekümmert. In Phase2 haben wir uns um nichts gekümmert. Jetzt ist Phase3. Es geht um Geld, den Aufstieg und darum, dass die Schwere der Verantwortung nicht unsere Flügel bricht.” Einen ähnlich originellen Ansatz würde man sich von manch etabliertem Kollegen sehnlichst wünschen. [...]