12.1.2007

“A tricky issue”

Rowan Barnett, Chefredakteur von „The AvaStar“, war gestern Gast der Axel Springer Akademie. Drei Ausgaben hat der 25-jährige Brite mit seinem Team bisher produziert, heute wird die vierte erscheinen – in der virtuellen Welt. Das Blatt behandelt nur Themen aus der Online-Community “Second Life”. Sören Kittel, einer der 18 Schüler der Akademie, berichtet:

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Rowan Barnett stellt den Schülern seinen “AvaStar” vor. In der Mitte: Autor Sören Kittel. Foto: Marco Fenske

“Im Prinzip bin ich ständig online“, sagt Rowan Barnett. Immer wieder muss er seine 22 freien Autoren daran erinnern, pünktlich ihre Geschichten zu schicken. „Einige wohnen im wirklichen Leben eben in Australien oder den USA.“ Bezahlt werden sie in Linden-Dollar, der virtuellen Währung von „Second Life“. Der „AvaStar“ hat noch eine weitere Quelle entdeckt, die auch in der realen Zeitungswelt neuerdings eine Rolle spielt: „the leserreporter“, wie Barnett sie nennt – „im Englischen gibt es da kein passendes Wort“.

Ihren ersten Scoop hatte die Wochenzeitschrift, die man sich als pdf auf seinen Computer lädt, mit einer Mietrechtsgeschichte: Jemand hatte Land gemietet und es dann untervermietet. Anschließend ist der Betrüger einfach mit dem Geld verschwunden – oder besser: hat sich weggebeamt. Das funktioniert nämlich in „Second Life“. Schon 2,5 Millionen Menschen haben sich dort ein Online-Alter-Ego eingerichtet, einige sogar ein Haus gebaut.

Aber warum eine Zeitung dann noch im klassischen zweidimensionalen Format? Barnett hat sich diese Frage auch gestellt – im Kopf hat er schon eine 3D-Zeitschrift zum „drin rumlaufen“. Aber so oder so, in jedem Fall müßten die gleichen journalistischen Standards wie in der wirklichen Welt gelten, darauf besteht Barnett. “Ich bin Journalist, ich spiele nicht nur die Rolle eines Journalisten.”

In „Second Life“ heißt der junge Zeitungs-Chef Regis Braathens und sieht Rowan Barnett sehr ähnlich. Was solche Zweitleben mit einem anstellen können, verriet uns Barnett zum Ende der Fragerunde: Kürzlich hatte er in seinem Kleiderschrank erfolglos ein ganz bestimmtes T-Shirt gesucht, dann fiel ihm ein: Er hatte es nur in der virtuellen Welt gekauft. Barnett/Braathens wörtlich: „Real life is a tricky issue.”

Autor: jep Kategorie: A bis Z, Medienmacher zu Besuch, Zukunft des Journalismus | 7 Kommentare »

7 Kommentare zu ““A tricky issue””

  1. Julien Wolff

    Eine weitere spannende Frage ist sicherlich, wann der “Avastar” Konkurrenz bekommt und ob Second Life auch den Markt für eine Tageszeitung bietet.

  2. Christian Breuer

    Man mag mich für langweilig oder nicht aufgeschlossen genug halten – aber ich stehe dem Projekt recht skeptisch gegenüber. Um ehrlich zu sein verbringe ich schon genug Zeit vor dem Computer und bin um jede Minute froh, die ich mit meinem “Real-Life-Ego” in meinem “First Life” verbringen kann. Und wenn ich es tatsächlich schaffe, in eben jenem auch meine morgendliche Zeitung im Ansatz komplett zu lesen, freue ich mich umso mehr. Brauche ich dann eine Zeitung aus einer Pseudo-Realität, in die ich mich offenbar nicht einmal flüchten kann, wenn ich einfach nur eine “heile Welt” suche?
    Zugegeben: Ich war noch nicht auf der Second-Life-Seite und habe in der Tat auch ein Alter-Ego, unter dem ich im Netz hier und da auftrete. Aber ich stelle grundsätzlich die Frage, ob man wirklich solch eine Zeitung aus der virtuellen Welt braucht.

  3. Peter Müller

    Man sollte sich eher fragen, wie schnell man bei Springer “Chefredakteur” werden kann. Was hat dieser Rowan denn vorher gemacht? Ist das nicht alles ein wenig gaga? Und wieviel Geld wurde denn nun schon damit verdient? Im Gegensatz zu den ganzen Kosten, die das Projekt anscheinend ja “verschlingt”!!!

  4. jep

    @ Peter Müller:

    Die Antwort ist einfach: Schnell genug, wenn man gut genug ist. Axel Springer selbst war übrigens erst 22, als er stellv. Chefredakteur der “Altonaer Nachrichten” wurde. Auch der “Spiegel”, der gerade seinen 60. Geburtstag feiert, wurde von einem Jüngling gegründet: Rudolf Augstein, Chefredakteur und Herausgeber mit 23 Jahren.

  5. Caren Schütt

    Der Avastar hat definitiv einen Markt.
    Second Life ist einfach eine logische Fortführung der Reihe “Ich im Internet”: Flickr, Myspace, Xing (in denen bestimmt auch jedes 3.Profil nicht der Realität entspricht).
    Ich habe mich bei second life angemeldet (Recherche ist alles) und konnte meine Person leider nicht so richtig kontrollieren: Ich habe sie nämlich in der Masse der Newbies nicht gefunden. Das kann an persönlichem Unvermögen liegen, jenes möchte ich gar nicht ausschliessen. Als ich mich allerdings irgendwann mit einem Papagei unterhalten musste, war der Zeitpunkt für den log-out gekommen. Sobald es eine “idiotensichere Schritt-für-Schritt-Anleitung” gibt, werde ich mit meinem digitalen Zwilling nochmal einen Spaziergang wagen. Bis auf weiteres bevorzuge ich aber mein erstes Leben. Für ein Zweites fehlt leider auch die Zeit.

    How’s life?
    first or second?

  6. CG

    Zum Eingangskommentar von Julien Wolff.
    Konkurrenz besitzt “The Avastar” bereits.
    Zum Beispiel: http://slbusinessmag.com/edition/
    Es funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip und ist sogar vom Layout her besser gemacht. Allerdings steckt dort nicht ein großer Verlag hinter.
    “The Avastar” als Feldstudie ist sicherlich interessant. Doch bereits jetzt wird ein Problem sichtbar. So gab es bereits Kritiken von SL-Usern, dass sie von Avastar-Redakteuren newbiehaft ausgefragt wurden.
    Glaubwürdigkeit ist also gefragt. Deshalb sollten sich die Avastar-Redakteure entweder verstärkt auf die Nutzung des Spiels/Programms konzentrieren, um somit das Bedürfnis des “Second Life” zu ergründen, oder aber die Aufgabe den “Leserreportern” überlassen.
    “SL” ist alles andere als einfach. Wer etwas Besonderes dort erschaffen will, muss sich mit “Programmieren” auseinandersetzen oder aber bares Geld löhnen. Jeder kann sich selbst das tollste Outfit verpassen, wenn er die technischen Voraussetzungen erfüllt. Dies wird jedoch den meisten missfallen, weshalb sich diese in “SL” eigentlich nur in einem großen Chat-Raum befinden.
    Ich selbst habe ebenfalls die Erfahrungen gemacht und ähnlich wie Frau Schütt schnell die “Uninstall-Funktion” benutzt (obwohl mir die Grundlagen des Modellieren und Programmieren bekannt sind), da SL a)kein wirkliches Spiel ist und b)1000x langweiliger als das echte Leben ist…
    Auch wenn ich als Kind dachte, dass Fliegen das Größte sein muss. Bei pixel-Wellen und klotzigen Inseln vergeht einem selbst dieser Traum im Nu.

  7. Real life is a tricky issue

    [...] Feedreader über das neue Blog der Axel Springer Akademie gestolpert – das JepBlog.Und wer fällt mir da entgegen? Rowan Barnett, der Chefredakteur unseres AvaStars.Sein neuer Job hinterlässt Spuren:Kürzlich [...]

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